EastCoastWestCoast. Zwei Mal rauf und runter und zurück: Die letzten Wochen im schnellblickenden Rückwärtsgang. Aber mit Fotos und Gelegenheitsgedicht.

Eine ganze Weile habe ich hier nicht mehr geschrieben, und dementsprechend gilt es, einige Rückblicke zu unternehmen. Denn irgendwie muss hier ja noch ein Deckel drauf, auf diesen Amerika-Blog! In gut zwei Wochen – nach einem Abenteuer-Roadtrip mit Inga, der morgen beginnt – bin ich wieder in Deutschland. Aber was ist in den letzten Wochen passiert? Meine Zeit auf dem amerikanischen Kontinent ist ja zu Thanksgiving nicht jäh gestoppt, auch wenn ich mich während des Genusses von Thanksgiving-Truthahn und -stuffing gern in eine Endlos-Zeitschleife eingeschleift hätte.

Ich versetze mich, um diese Lücke zu schließen, nun zurück in ein Land aus Schnee und Eis (Michigan im Winter – kalt! Bis zu -20°C, um genau zu sein), und in eine Zeit vor der heutigen Zeit, in eine Zeit vor dem Jahreswechsel: Es ist Mitte Dezember 2013. Da mein schreibendes Heute-Ich gerade in einem Café in San Francisco sitzt, einer Stadt, in der es nie regnet, in der die Leute im Januar in kurzen Hosen rumlaufen (wobei: Einige Verrückte tun das sogar im dezemberlichen Chicago, wie ich dort beobachtet habe) und in der Palmen blühen, fällt mir das gar nicht so leicht. Aber mein Kaffee kühlt merklich ab, das wird helfen. Ich nehme einen großen Schluck kalten Kaffee, so groß, dass ich Mühe habe, nicht jeden Moment unkontrolliert loszuprousten: Die Kälte des Kaffees stößt sofort das Erinnern an. La recherche du temps perdu.

Mitte Dezember 2013. Mein Auslandsstudium und Michigan liegen hinter mir, alle Kurse sind erfolgreich bestanden und es gibt Abschiede zu feiern. Die CMU konnte nicht immer mit akademischer Exzellenz glänzen (was das Gros der Studierenden betrifft), aber einige coole Dozenten und etliche liebe Menschen habe ich hier natürlich kennengelernt – unter den Internationalen, in den Kursen und in den beiden student organisations, denen ich, voll amerikanischen Organisationseifers, beigetreten bin. Die meisten dieser Menschen werde ich wohl nicht wiedersehen. Ein paar vielleicht – irgendwann. : )
Die Abschiede sind traurig, aber mir sind im Leben schon Dinge schwerer gefallen. Doch meine Reise ist noch nicht beendet: Nach Semesterende will ich zwei Monate Land, Leute und Literatur Amerikas erkunden. Ich habe einen ordentlichen Bücherstapel dabei; Land und Leute treffe ich dann unterwegs, darauf setze ich.

Die Reisen schließen gleich zu Beginn, noch im Dezember, einige Reunions mit rein. Mit Malin in Chicago, mit Niklas in New York. Wundervolle Wochen, voller sightseeing, Museen, Theater, Musical und WG-Flair in New York, inklusive verstopfter Toiletten in einer herrlichen WG, in der wir dank Niklas in New York (wo sich um Weihnachten und Silvester das Who-is-Who aus Bochum zusammenfindet, sodass es scheint, die Weltmetropole sei zur Hälfte mit Bochumern angefüllt) untergekommen sind. Gott sei dank ist in Amerika die Bevölkerung über bei verstopfter Toilette einzuleitende Operationen ganz gut informiert: Eine Flut von Tutorials auf Youtube erklärt, wie eine Toilette am effektivsten zu entstopfen sei. Und es sind nicht nur irgendwelche Tutorials. Nein, teils wird die Unclogging-the-toilet-Technik von gut aussehenden, jungen, dynamischen und den Handwerker-Habitus teils mit moderner casualty und charmanter Lässigkeit kreuzenden Typen erklärt. Etwa hier: http://www.youtube.com/watch?v=lc7HPs92rok. Toll. Meine New Yorker WG-Genossen und ich genießen einige der 34100 (!) Youtube-Ergebnisse für den Suchbegriff „unclog toilet“.

Malin ist inzwischen wieder zurück in Deutschland und hat von all dem nichts mehr mitbekommen. In den folgenden Tagen ziehe ich ein bisschen mit Moritz (noch so ein Bochumer!) durch New York, Jazz-Club mit Blick auf die New Yorker Skyline inklusive. Und dann geht’s ein bisschen die Ostküste rauf und runter. Philadelphia hatten wir in größerer Mannschaft schon kurz vor Silvester besucht; jetzt fahren Niklas und ich zu zweit nach Baltimore und Washington.

In Baltimore brechen wir hellichten Tags in den Friedhof ein, auf dem Edgar Allan Poe, unser aller Lieblingskurzgeschichtler, begraben liegt. Sein Grab aber will uns der Baltimore’sche Geheimdienst (oder wer auch immer) nicht sehen lassen und hat den ganzen Friedhof abgesperrt. „Nevermore,“ antwortet das Absperrgitter unseren fragenden Blicken.
Doch gegen unseren unersättlichen Abenteuerhunger und unsere Spontaneität kann Amerikas Defensive nichts ausrichten. Die sind gut im E-Mails lesen und Handys abhören; aber da wir unseren Einbruch Sekunden vor dem Einbruch selbst erst zu planen beginnen und dabei mündlich vorgehen, bei Facebook keine Spuren hinterlassen, wird unsere Tat nicht einmal durch eine Politesse gestört. Das perfekte Verbrechen.

Abgesehen davon gehört es sich natürlich, den Gruselmeister an seiner letzten Ruhestätte ausgerechnet durch einen lupenreinen Einbruch zu besuchen. Uns war sehr feierlich zumute. Dann aber brachen wir aus dem Friedhof wieder aus. Und ich bereue nicht, dieses Verbrechen begangen zu haben. Auch jetzt nicht, fast drei Wochen später, während ich hier an diesem Tisch eines Cafés in San Francisco sitze. Niemand weiß von der Tat. Auch nicht der Mann mit dem düsteren Gesichtsausdruck, der mir gegenübersitzt. Auch nicht der Polizist, der nun das Café betritt. Er will sich bloß einen Kaffee holen, er hat sicher gerade Mittagspause. Von meinem Verbrechen weiß er nichts. Kann er nichts wissen. Baltimore, das ist weit weg. Ich bin in Sicherheit. Er weiß nichts. Er lächelt mich an, während er auf den Chai tea latte wartet, den er bestellt hat. Lächelt mich an, freundlich. Zu freundlich. Er weiß etwas. Er ist hier, um … nein, das kann nicht. Darf nicht, kann nicht. Oh Gott. Er weiß es, er lächelt mich nicht an, er lächelt mich aus, er weiß es, eine Politesse aus Baltimore hat es ihm gesagt, hat ihm von unserem Einbruch auf den Friedhof erzählt, er weiß es, oh Gott! Er will mich … Was kann ich tun? Er will mich, er will mich lebendig begraben, auf dem Friedhof, auf dem Friedhof in Baltimore. Ich stehe auf, fluche, schreie, plötzlich ist da Schaum vor meinem Mund – aber nein, das ist nur Milchschaum, latte macchiato, na klar, alles gut, nein, er weiß es. Er weiß es. Ich nehme den Stuhl, auf dem ich gerade noch saß, und schmeiße ihn um. Das verbessert meinen Zustand aber auch nicht, und ich liefere mich aus. Der Polizist hat gelächelt, er hat mich ausgelächelt, er weiß es, er weiß es sowieso. Alles ist besser als diese Pein. Wer hat mich verraten? Die Politesse in Baltimore? Oder Poe selbst? Poe hat mich verraten, er hat mit dem Herz geklopft, laut, und er hat mich verraten, und jetzt ist alles aus.

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Eingesperrter Edgar Allan Poe.

Washington. Eine Stadt, vollgestopft mit zu memorierenden Monumenten und monumentalen Memorials. Niklas düst von dort aus wieder nach New York; ich fahre weiter nach Boston. Ich laufe dort den sogenannten Freedom Trail hoch und runter, er führt mich am Schauplatz des Boston Massacre, dem State House von Massachussetts und weiteren historisch bedeutenden Orten entlang. In Harvard schaue ich auch mal vorbei. Das Boston Tea Party Museum hat geschlossen; die Party wird erst weitergehen, wenn ich längst weitergereist bin, und zwar ohne mich. Ich komme darüber hinweg, beschließe, in Boston aus Trotz nur noch Kaffee zu trinken, um die Tee-Industrie zu lähmen, und reise am nächsten Tag nach Newark, New Jersey. Dort verbringe ich die Nacht am Flughafen. Denn am nächsten Morgen geht mein Flugzeug nach Vancouver!

Ich mag das, das habe ich London schonmal gemacht: die Flughafen-Wildnis zur Nachtstätte wählen. Diesmal aber stoße ich auf ein unerwartetes Problem: Während ich über den Flughafen stapfe, bricht der Griff meines etwas zu schwer bepackten Rollkoffers durch. Beim Rollen. Wie ich das geschafft habe, weiß ich nicht; wahrscheinlich war der Griff einfach morsch. Ich nehme einen Gürtel aus dem Koffer und binde ihn ungefähr da fest, wo früher mal ein Griff war. Ich ziehe den Koffer an dem Gürtel hinter mir her: Vormals Kofferinhalt, wird der Gürtel nun zum Instrument, meine Habseligkeiten zu transportieren, verrückte Welt. – Ich bin begeistert von meinem eigenen Ideenreichtum und fühle mich wie Crocodile Dundee oder Indiana Jones. Dann laufe ich halb gebückt durch den Flughafendschungel, weil nur, wenn ich ihn an der kurzen Leine halte, der Koffer die richtige Neigung bekommt, um auf seinen Rollen zu rollen. Jetzt fühle ich mich wie Indiana Jones, der gebückt vor seinem Koffer läuft und versucht, seine Waden vor dem verfolgenden Koffer und dessen fiesen Stößen zu bewahren, was nicht immer gelingt, und ich glaube, ich bin jetzt der am bescheuertsten aussehende Indiana Jones aller Zeiten.

Aber Michael, ein Kanadier aus Toronto, den ich am Flughafen kennenlerne und der das Gleiche vorhat wie ich – am Flughafen übernachten –, befreit mich aus meiner existenziellen Krise. Gemeinsam bestehen wir das Abenteuer dieser Nacht, finden einen gemütlichen Schlafplatz in einem leergeräumten und unbewohnten Flughafenrestaurant, putzen uns in trauter Zweisamkeit die Zähne auf der Flughafentoilette und genießen das Leben. Wir sind jung, wir sind cool. Und mein Gürtelkoffer ist jetzt wieder ein Erzeugnis eines Überlebenskünstlers.

Ich komme am nächsten Morgen an der Westküste an. An der Westküste Kanadas, in Vancouver, das Kanadier auf der zweiten Silbe betonen. VanCOUver. Obwohl ich mich schnell anpasse und das Wort kanadisch betone, werde ich am Flughafen verhört, zum allerersten Mal in meinem Leben:- weil ich in keinem Hostel übernachten, sondern couchsurfen will. Ich habe damit gerechnet, bei der Wiedereinreise in die USA eine Woche später ein paar Probleme zu bekommen, aber in Kanada überrascht mich das. Ich denke erst, ich habe mich verhört; aus dieser aktiven wird im Folgenden aber leider eine passive Verbform. Eine Polizistin stellt mir fiese Fragen in fiesem Ton, sie will sichergehen, dass ich nicht dauerhaft in Kanada bleiben will; verständlich, im Prinzip, denn ich habe keinen Rückflug in die USA gebucht. Und dass ich couchsurfen will, findet sie gar nicht gut, das deutet sie mehrfach an. Das Prinzip schadet natürlich dem Hotelgewerbe, möglicherweise wird die dazugehörige Webseite eines Tages geschlossen.

Das erste Verhör meines Lebens findet nicht an einem normalen Flughafenschalter statt, sondern in einem eigens dafür vorgesehenen großen Raum, in dem ich vor meinem Verhör mit sechs oder sieben weiteren Verdächtigen eine quälende Stunde warten muss. Einer der Verdächtigen hat bunte Vögel in einem großen Käfig dabei (zumindest in puncto bunte Vögel habe ich mir nichts vorzuwerfen); ein zweiter bricht in Tränen aus, da er von seiner Reise nach China, wo er arbeiten will, zurück nach Hause geschickt werden soll – er hat sich, nachdem er aus dem Flugzeug gestiegen ist, direkt eine Zigarette angesteckt. Die anderen Verdächtigen kommen allesamt aus arabischen Ländern.

Für einen Moment denke ich, ich sitze in wenigen Minuten im nächsten Flugzeug nach Deutschland. Aber irgendwie – ich weiß nicht, wie – wendet sich das Blatt, und ohne dass ich gut argumentiert hätte (erst am Abend unter Dusche fließen mir die Worte in den Mund, die ich hätte sagen müssen), darf ich rein. Rein nach Vancouver.

Und da couchsurfe ich (oder surfe ich couch?), und ich habe auf einmal ein Riesenglück: Meine beiden hosts sind jeweils the epitome of Canadian hospitality. Grant, ein junger, dynamischer, erfolgreicher Business-Typ, der aber genug Zeit hat, mit mir gemeinsam eine Matratze und ein Kissen von einem Freund abzuholen, und der geballte Coolness personifiziert (muss am kanadischen Klima liegen); und Lorna, eine schon etwas ältere Dame, die mir morgens pancakes macht und einfach wahnsinnig nett ist.

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Vancouver: Kombiniert eine hübschen Skyline, Wälder (sogar Regenwälder zehn Autominuten von Downtown entfernt!), Berge, auf denen nachts glühende Punkte strahlen, die Skifahrern den Weg weisen, und natürlich das Meer. Wenn man in dieses Gemisch noch so freundliche Menschen schmeißt, wie ich sie erlebt habe, kommt eine tolle Stadt raus.

Nach einer Woche verabschiede ich mich und ersetze Minustemperaturen durch 22°C und Palmen. Weiter Westküste, aber jetzt auf amerikanisch.
California, baby!
San Francisco und Los Angeles habe ich dort besucht. L.A. fand ich interessant; San Francisco hat mich begeistert. Auch wenn es negative Seiten gibt.

Going to San Francisco.
Die Golden Gate Bridge wird, wenn die Sonne untergeht, tatsächlich zu Gold,
legt ihr Rostbraun ab und wird zum Tor in das untergehende Sonnenlicht,
das den Sonnenaufgang des Westens symbolisiert
und symbolisieren soll.
Palmen, Meer, Seelöwen, Seemöwen
und Hippies.
Nackte Beat-Poeten früher, heute
alle zumindest oben ohne,
das ist ja auch schonmal was.
Obdachlose nicht nur oben, nein ganz ohne.
Aber wenigstens haben die’s warm, denn hier ist im Januar Mai.
Und der spirit der Hippies weht hier auch heute noch ein bisschen herum
und rauscht ab und an
durch die Palmenblätter.

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Ein lauer Januar-Abend in Santa Monica, L.A.

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Entkleidete Frau auf Schild in SFR.

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Wunderschön, das Ding: auch, wenn man drauf steht. Knickt nicht ein, wenn man hüpft.

Jetzt stürze ich mich erstmal ins letzte Amerika-Abenteuer: ein echter Roadtrip. Meine Güte. Die penetrant weise Poetry-Slammerin Julia Engelmann, die momentan überall einen auf memento mori und carpe diem macht, wäre stolz auf mich.

So. Bye bye, West Coast – nach Ost und West geht es jetzt, zum Abschluss der Reisen, ab durch die Mitte! Chicago – Nashville – Memphis – New Orleans, so der Plan.

Vielleicht schreibe ich nochmal, während des Roadtrips – vielleicht auch nicht. Sollte bis hierhin – ist ja doch wieder recht lang geworden, dieser Rückblick – jemand gelesen haben: cool! Danke fürs Lesen, und bis bald. Schriftlich oder live, zurück im Ruhrpott, in der Heimat! : )

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This is, like, the best Thanksgiving EVER.

Am Mittwoch wird die Uni leerer und leerer, am Mittag schon; abends scheinen kaum mehr students auf dem Campus zu sein. Die CMU schließt ihre Pforten: Am vierten Donnerstag im Monat November ist Thanksgiving, und das bedeutet holidays! Amerika fährt nach Hause, driving home for Thanksgiving, yeah.
Thanksgiving. Der Amerikaner dankt. Er dankt Gott. Für alles, was er hat (der Amerikaner, nicht Gott – aber ich weiß gar nicht, wer von beiden eigentlich mehr besitzt): die best family ever, die best friends ever, den guten Job, das Haus, den Hund, das viele und leckere Essen. Der Amerikaner dankt Gott dafür, dass er so viel zu essen hat, indem er sehr viel isst. So viel, dass er danach nicht mehr so viel zu essen hat. Over Thanksgiving, America becomes Turkey.

Ich bin über Thanksgiving eingeladen worden. Von August, einem der coolsten Menschen, die ich während meines Studiums in Amerika kennengelernt habe. Kennengelernt in der International English Honor Society, dem Verein, den ich im Verdacht habe, mit den Illuminaten im Bunde zu stehen oder identisch zu sein. Aber ich mag die Society trotzdem.
Ich bin sehr froh, Thanksgiving im Kreise einer amerikanischen Familie feiern zu dürfen. Einerseits wird mir das eine gute Dröhnung amerikanischer Massenkultur verschaffen; andererseits möchte man an einem solchen Feiertag, selbst wenn man wenig von ihm hält, nicht gern allein sein. Denn man weiß dann ja: Alle Amerikaner sitzen fröhlich beieinander und haben Spaß. Das findet man nur dann gut, wenn man selbst Teil des Spaßes ist. Zudem bietet dieser Ausflug mir Gelegenheit, meinem chinesischen room mate für zwei Tage zu entfliehen. Seit fast 16 Wochen ertrage ich ihn, und ich brauche mal wieder Urlaub. Auch, wenn man laut Friedemann Schulz von Thun nicht nicht kommunizieren kann: Er schafft’s. Die Kommunikation zwischen uns ist am intensivsten, wenn er seine chinesischen Freunde über Skype anbrüllt (es klingt wie chinesische Kampfschreie, vorgetragen aber in einem sehr nörgeligen Nölton), während er online World of Warcraft spielt; und wenn er schnarcht.

Ich entkomme dem Kampf-Chinesen und fahre am frühen Donnerstag Morgen in meinem winzigen Mietwagen Augusts Van hinterher: einem Auto, das in Deutschland als Lastwagen registriert würde, hier aber ein gewöhnlicher Pkw ist. Während der Fahrt wird im Radio bereits um den Christmas Tree aroundgerockt. Festum natalicium Domini advenit, da darf es auch im Radio schonmal klebrig werden. Passend dazu auch ordentlich Werbung für Black Friday. Der beginnt dieses Jahr überraschend schon am Donnerstag, ab 18 Uhr (normalerweile erst am Tag nach Thanksgiving, dem ‘echten’ Freitag also). Die Ladentüren öffnen sich und die dümmeren Amerikaner (ökonomisch aber gar nicht mal so dumm) prügeln sich in den Geschäften um die special Black Friday sales. Thanksgiving: Der Amerikaner dankt. Er dankt Gott. Für all das, was der Amerikaner hat. Aber ab 18 Uhr kann man ja ruhig schonmal dafür sorgen, dass man auch weiterhin viel hat, wofür man dem Lord danken kann. Schnell danke sagen, dann ordentlich Truthahn zwischen die Zähne, kurzes Schläfchen, und ab zum Black-Friday-Shopping! Die Ironie fällt vielen Amerikanern sicher auch auf; aber Ironie ist ja, wenn man lustig ist. Und je mehr Smartphones man heute kauft, umso lauter kann man nächstes Jahr danke sagen, und umso besser schmeckt nächstes Jahr der Truthahn.

Zurück zu den schönen Seiten meiner American Turkey experience. Ich freue mich tatsächlich über die ersten Weihnachtslieder im Radio. Das geht mir in Deutschland nicht anders, und hier werde ich während der Fahrt auch von weihnachtlichen und leicht melancholischen Gefühlen überrascht. Knappe zwei Stunden bis Detroit, wo Augusts Familie wohnt. Genauer gesagt: in den Suburbs von Detroit. 13 Mile. Im Gegensatz zu 8 Mile (da, wo der kleine Eminem gewohnt hat) und heutzutage auch im Gegensatz zu einem recht großen Teil der Stadt ist 13 Mile eine sichere Wohlfühlgegend, mit großen, schönen Häusern und zwei bis sechs Autos pro Haus, hübschen Vorgärten und Billard-Tisch, Angel- sowie Jagd-Ausrüstung im Keller.
Augusts Familie nimmt mich sehr freundlich auf, stellt viele Fragen, die ich höflich und scherzend beantworte. Die Thanksgiving-Atmosphäre erreicht einen ersten Höhepunkt, als ich feierlich eine Flasche italienischen Weins (deutschen Wein gibt’s im Walmart kaum, nur den allerbilligsten; ich wollte aber immerhin die nur zweitunterste Preisklasse wählen) sowie eine Packung Ferrero-Rocher (schon wieder Italien! Aber das ist immerhin Europa, und in amerikanischen Augen ist das ja alles eine Soße – kürzlich hat mich jemand gefragt, ob Denmark nicht ein anderes Wort für Holland sei) überreiche und mich für die Einladung bedanke. [Ich entschuldige mich übrigens für die ganzen Parenthesen hier; mein Prof hat mir diesen Stil untersagt, und irgendwo muss ich das kompensieren.] Als ich das Haus ausdrücklich lobe – der Vater hat hart dafür gearbeitet, so ein Haus besitzen und halten zu können, wie ich Stunden später von dessen angetrunkenen Söhnen erfahren werde –, kann ich auch den pater familias endgültig auf meine Seite ziehen.

Während ich von der Mutter zubereitete Turkey-Sandwiches verspeise (ich muss an die schmerzlichen Erfahrungen denken, die Kollege Streetcar einige Kilometer südöstlich von hier hat machen müssen), läuft Football im Fernsehen. Amerikaner mögen Football; zu Thanksgiving umso mehr. Das alberne Neujahrs-Skispringen im albernen Europa ist ein Witz dagegen – Thanksgiving und Football gehören enger zusammen als Christmas und Jesus. Was nicht viel heißen mag, da in Amerika auch Christmas und Football enger zusammen gehören als Christmas und Jesus; nicht aber enger als Thanksgiving und Football. Detroit spielt, und Detroit gewinnt. Das trägt ebenfalls erheblich zur Stimmung bei.
Nachdem ich meine Turkey-Sandwiches erfolgreich gegen den Familienhund verteidigt und verspeist habe, findet letzterer Gefallen an meinen Socken, die er überraschend filigran und mit überlegter Technik mittels seiner Zähne von meinen Füßen zu zerren versucht. Diese Versuche werden vom Familienvater unterbunden. „Sit, Thor, sit!“ Der Hund heißt Thor. Ich scherze nicht. Der Hund heißt Thor. Eine durch Marvel wohl nicht unbeeinflusste Tradition, seinen Haustieren die Namen bekannter Helden zu geben, zeigt sich hier. Schon im 17. und 18. Jahrhundert war das Brauch – Hunde und Sklaven wurden in Amerika gern augenzwinkernd mit den Namen mythologischer Gestalten und historischer Helden versehen. Sklaven und Hunde mit den Namen ‘Agamemnon’ und ‘Hector’ zeugen von Sinn für Humor.
Ich bin stärker als Thor und biete ihm während meines gesamten Aufenthaltes – Thor kann nicht genug von meinen Socken kriegen (womit er der Erste ist) – die Stirn. Thor kriegt meine Socken nicht. Niemals! Soll er andere Leute sowie deren Füße bloß stellen. Schade übrigens, dass Thor ‘Thor’ und nicht ‘Achilles’ heißt.

In den Nachmittagsstunden fahren August, seine Eltern, seine Schwester, ein Truthahn und ich in drei Autos zu Augusts Tante und Onkel. Dort wird das umfangreichste Mahl aufgetischt, an dem ich jemals teilhaben durfte. Es gibt hier nicht nur Turkey. Es gibt Brussels sprouts (schmeckt wie Rosenkohl und könnte damit sogar identisch sein), ham, mashed potatoes, zum Turkey natürlich stuffing, heiße Preißelbeeren und vieles mehr. Dem Lord wird gedankt, dass er so großzügig ist. Ich stimme zu. Ich trinke vor dem Essen Bier, beim Essen Wein und nach dem Essen Bier; Augusts grandfather (dessen Eltern kamen aus Preußen) fragt, ob meine Eltern im zweiten Weltkrieg gekämpft haben. Haben sie nicht. Ich erkläre bei Tisch, dass es Preußen nicht mehr gibt, ich Englisch studiere und von Michigan begeistert bin. Alle drei Aussagen stimmen, und alle drei bringen mir Sympathiepunkte ein. Ich glaube, ich habe unterm Strich einen guten Eindruck gemacht; und trotz mancher Sätze in diesem Blog-Eintrag, die mindestens ebenso augenzwinkernd daherkommen wie die Praxis, Hunde und Sklaven Agamemnon oder Thor zu nennen, ist mir das wirklich wichtig. Augusts Familie ist unglaublich nett. Ich fühle mich spätestens nach dem ersten Glas Wein gar nicht mehr wie ein fremder German, der in die perfect American family eindringt. Ich freue mich über das ehrliche Interesse vieler Familienmitglieder an Europa, an mir sowie an unserer beider Zukunft und frage auch selbst vieles nach, was mir bezüglich Amerikas Geschichte und Kultur unbekannt ist. Augusts Vater zählt mir seine Lieblingspräsidenten auf. Nach dem Essen verschwinden Augusts zwei Neffen im Keller und zocken ‘Call of Duty.’ Freigegeben ab 16; Die beiden sind etwa zehn. Später klärt August mich darüber auf, dass seine Tante seinen Bedenken mit dem Argument widersprochen hat, man könne seine Kinder in der Schule nicht als Außenseiter dastehen lassen. Natürlich muss sie ihren Kindern die Videospiele kaufen, die sie verlangen. Mein inneres Ich schüttelt seinen inneren Kopf, mein äußeres Ich schüttelt den früh aufbrechenden Großeltern von August die äußeren Hände und erwidert das in perfektem Preußisch vorgetragene ‘Auf Wiedersehen’ des augustinischen Großvaters.
Eine Stunde sowie ein Stück apple pie (da werden Erinnerungen an Teenie-Komödien wach) und ein Stück pumpkin pie später (ich fühle mich mit jedem Schluck Wein und jedem turkey- und pumpkinhaltigen Nahrungsmittel exponentiell amerikanischer) löst die Gesellschaft sich auf. Ich traue meinen eigenen Ohren nicht, aber ich sage den Satz, den ich vor vier Monaten nie über die Lippen gebracht hätte. „Thank you so much – this was my very first Thanksgiving, and I couldn’t have had a better one. This was, like, the best Thanksgiving ever!“ Das ‘like’ habe ich, glaube ich, gerade hinzuerfunden (meine Erinnerung verschwimmt in Wein und zermantscht in mashed potatoes und matschigen Äpfeln), aber den Rest habe ich wirklich gesagt. Nachfolgend beiße ich mir auf die Zunge. Das war übertrieben. Ich habe übertrieben. Das hat die Grenzen der Höflichkeit überschritten. Jenseits dieser Grenze liegen Spott und Farce. Bitte, oh Lord, lass diesen Spruch nicht ironischen Eingang in die amerikanischen Gehörgänge finden. Lass ihn als gemäßigt überwältigten Dank dort ankommen. Augusts Tante blickt mich gerührt an und sagt, dass sei such a kind thing to say. In meiner Imagination hat sie Tränen in den Augen, in der Realität war das meines Wissens nicht der Fall; aber ich habe erreicht, dass einige Familienmitglieder in ihre Worte einstimmen und offenkundig begeistert sind. Sie prosten sich zu. Ich habe gerade mein Lehrstück amerikanischer Übertreibungskunst abgelegt. Da für Amerikaner alles like „the best thing ever“ zu sein scheint, muss man ordentlich dick auftragen, um wahre Emotionen hervorzukitzeln. Das scheint mir hier versehentlich gelungen zu sein. Ich habe das nicht ethnologischer Analyse und kühler Anwendung meiner Kenntnisse zu verdanken. Die Amerikaner, Wein und Truthahn haben mich amerikanisiert. Das ist mir in diesem Moment aber egal – Hauptsache, es hat geklappt. Ich bin zudem zuversichtlich, dass ich mein Amerikanertum bei Bedarf schnell wieder ablegen kann. Ich glaube, meine Dankbarkeitsbekundungen kommen der Methode des method acting sehr nahe. Tatsächlich gefühlt, in diesem Moment, aber das war nicht ich. Sekunden später schon reflektiere ich über diesen neuen Amerikaner in mir. Interessant, was so ein Land mit einem anstellen kann.

Am späteren Abend gehe ich mit August und seinem Bruder Bowling spielen. An der Bar neben der Bowling-Bahn bestellen wir einige Drinks. Wieder daheim, trinken wir Whiskey (August) und Rum (ich). Bis 4:30. Am nächsten Morgen schlafe ich so lang, dass ich zwei, drei Kreditpunkte bei Augusts Eltern (fleißige Frühaufsteher: sie wissen ihren Wohlstand zu wahren) wieder verspielt haben könnte. Umgekehrt haben auch sie Kreditpunkte bei mir verspielt, denn das Zimmer, in dem ich nächtige, ist rosa gestrichen. Die Bettdecken weisen Blümchenmuster auf. Naja.

Als ich am folgenden Abend mit Tausenden Michigandern aus Detroit hinausgleite und mein Mietauto über die Interstate Richtung Norden und Michigans Mitte lenke, bin ich einigermaßen stolz. Ein aufschlussreiches Thanksgiving liegt hinter mir. Ich habe viel gelernt. Aber ich habe es, trotz mancher ungläubiger Beobachtung, auch einfach genossen. Und mein Sympathiepunkte-Guthaben war dank Wein, Rocher und leicht übertriebener Lobes- und Dankeshymnen reich genug, dass ich mir ausufernden Rum-Konsum am Abend leisten konnte. Ich denke, ich habe alles in allem einen würdigen Vertreter Preußens abgegeben. Thank God Almighty!

There and Ann Arbor and Back Again, and Niagara Falls – and Fuck Capitalism

Seit einer Woche ist das amerikanische government wieder geöffnet. In buchstäblich letzter Minute gab’s zähneknirschende Einigungen, noch ein paar Beleidigungen und Kindereien, und jetzt ist das Schlimmste vorerst abgewendet. Was genau ist vorerst abgewendet? Wahrscheinlich die nächste dicke Finanzkrise. Und dass tausende staatliche Angestellte weiter nicht arbeiten dürfen. Und wohl noch einiges mehr. Das vorerst abgewendete ‘Schlimmste’, das ist für viele Amerikaner aber sicher auch die nicht zu ertragende Möglichkeit, dass China ihnen demnächst vollends die Weltherrschaft entreißen und die Welt ökonomisch, politisch und kulturell prägen wird. Viele, zumindest einige, mit denen ich gesprochen habe, halten das allerdings nach wie vor für sehr wahrscheinlich.

Aber das sind Spekulationen. Nachdem ‘das Schlimmste’, was immer das sein mag (und ich würde da spontan auch die Flut an Essays und midterm exams, die mich in den letzten ein bis zwei Wochen heimgesucht hat, einschließen), durch die Wiedereröffnung der Regierung jetzt nicht mehr unmittelbar zur Debatte steht bzw. halbwegs erfolgreich über die Bühne gebracht ist (midterms), kehrt dieser Blog nun wieder zu etwas konkreteren Ereignissen zurück. Namentlich zu Eindrücken zweier Ausflüge, die ich mit einigen anderen internationalen Studierenden meiner Uni in den letzten Wochen unternommen habe. Der eine (Ann Arbor) liegt knappe drei Wochen zurück, der andere datiert noch von Anfang September (Kanada).

1. Ann Arbor. Or: There and Back Again

Ein Tagesausflug nach Ann Arbor! In eine der schönsten Städte in Michigan, so raunt man sich auf der Straße zu. Also nix wie hin da. Eine Gruppe von 15 international students macht sich auf den Weg ins Abenteuer und fährt Karawane. Ich fahre eines der drei gut besuchten Autos, neben mir auf dem Beifahrersitz nimmt ein verrückter Saudi-Araber Platz. Er entpuppt sich als der ideale Beifahrer: Er schraubt mir Flaschen auf, wenn ich etwas trinken will; er bietet mit unentwegt Süßigkeiten an; er ergreift unaufgefordert das Lenkrad, wenn ich mit der Verpackung eines Müsli-Riegels kämpfe.

Ann Arbor ist sehr, sehr hübsch. Wir taumeln bezaubert durch Downtown, wo es neben einigen Touri-Shops auch Antiquitätenläden und book stores mit echt-antiken Büchern zu entdecken gibt. Den Campus der Universität in Ann Arbor schauen wir uns ebenfalls an (diejenigen von uns, die CMU-T-Shirts oder -Pullis tragen, haben glücklicherweise noch etwas zum Drüberziehen oder Wechseln dabei – allein wegen der Football-Rivalität vielleicht nicht die beste Idee, allzu offen seinen pride zur Schau zu stellen). Abends stärken wir uns in einem indischen Restaurant. Ich betone bei der Bestellung, dass ich die niedrigste Schärfe-Stufe bevorzugen würde; der Kellner schaut mich mitleidig an und erwidert, das habe er bereits vorausgesetzt. Ich frage mich, wieviel mein Gesicht über meine Persönlichkeit verrät.
Der Tag klingt aus in einer Karaoke-Bar. Eine Karaoke-Bar mit einzelnen Räumen allerdings, die man nur für geschlossene Gesellschaften mieten kann. Ziemlich teuer ist das, und die Südkoreanerin, die an der Theke sitzt und uns den Raum vermieten will, lässt nicht mit sich verhandeln. Es hilft auch nichts, dass wir eine Südkoreanerin dabei haben (fate?), die mit der Dame in beider Muttersprache diplomatische Gespräche führt. Egal: Für ‘My Heart Will Go On’, ‘Angels’ und ‘I’m Sexy and I Know it’ (welchen dieser drei Titel ich gesungen habe, möchte ich hier offen lassen) würde ich selbst mein Leben geben.

Die Rückfahrt wird ein Abenteuer. Ich bin müde und will nicht mehr fahren. Mein Held, der saudi-arabische Gutmensch, der mir auf der Hinfahrt Süßigkeiten reichte, als gäbe es kein Morgen, bietet sich an. Ich bin dankbar. Doch ein mexikanischer Freund schreitet ein. Er beteuert, der saudi-arabische Führerschein habe in den USA keine Gültigkeit. Das hat vermutlich mit dem mittlerweile in Amerikanern genetisch angelegten Misstrauen allem Arabischen gegenüber zu tun. Ich hätte dem saudi-arabischen Kollegen vertraut. Stattdessen fährt unser Mexikaner uns zurück. Dem vertraue ich von nun an nicht mehr.
Wir erreichen unser Wohnheim eine Stunde nach den anderen beiden Autos unserer Gruppe. Wir schleichen über den highway. Wir schleichen. Wir begegnen während der drei- (eigentlich zwei-)stündigen Fahrt geschätzt vier anderen Autos. Mit dreien davon knallen wir fast zusammen. Obwohl wir schleichen. Der Mexikaner ist ein furchtbarer Autofahrer (und ich sage das mit einem eigenen Hintergrund von zwei bis elf Vorkommnissen, die jeweils abgebrochene Außenspiegel o.Ä. zur Folge hatten). Ihm sollte man den Führerschein wegnehmen, nicht dem des Saudis die Anerkennung verweigern. Zum Glück kriege ich von der ganzen Aufregung nicht so viel mit und schrecke nur jeweils kurz aus dem Schlaf auf, wenn der mexikanische Abenteurer ruckartig und verwegen von Spur zu Spur switcht. Ansonsten denke ich mir Folgendes: http://www.youtube.com/watch?v=Tth-8wA3PdY, und schlafe weiter.

Am nächsten Tag vergessen wir zunächst, unsere Autos zurück zum Miet-Unternehmen zu karren. Erst um ein Uhr nachts (einundzwanzig Stunden nach unserer Rückkehr) machen wir uns auf den Weg, diese Mission zu erfüllen. Zwei Freunde und ich suchen nach dem Auto, das zuerst ich und später der verwegene Mexikaner gefahren haben. Die beiden aber saßen jeweils im Führerhäuschen eines der anderen Wagen (die ja eine Stunde vor dem Mexikaner ins Ziel kamen) und haben dementsprechend anderswo geparkt. Ich war in der vergangenen Nacht so müde, dass ich vergessen habe, wo zur Hölle wir geparkt haben. Ich kann mich an die grobe Himmelsrichtung erinnern. Meine beiden Kollegen und ich cruisen um mittlerweile halb zwei nachts (wir haben Zeit – das Auto muss bis zum nächsten Morgen zurückgegeben sein) mit deren Autos über den Campus und drum herum und suchen diverse parking lots nach meinem Auto ab. Wo hat der Mexikaner es geparkt? Fragen können wir ihn nicht, er arbeitet nachts und ist nicht zu erreichen. Ich steige auf verschiedenen parking lots aus und laufe mit dem elektronischen Autoschlüssel durch die Reihen und klicke auf den Türöffner-Knopf – in der wilden Hoffnung, eines der Autos möge aufleuchten in der Nacht, mir den Weg weisen als Blinken der Hoffnung im Dunkel. Irgendwann haben wir Erfolg. Wir bringen alle drei Autos zurück.
Als wir die Gefährte abgestellt und meine Gefährten und ich die Autoschlüssel in den dafür vorgesehen Briefkasten befördert haben, ergibt sich die Frage nach der Rückfahrt. Zum Laufen ist das definitiv zu weit. Und es ist kalt. Wir bestellen ein Taxi. Der Taxifahrer ist ein Veteran der American Army – wie gefühlt alle Taxifahrer, die ich in Amerika bislang kennengelernt habe. Und alle erzählen das auch: meist nachdem der erste Kilometer auf der Taxi-Uhr abgelaufen ist. Oder eher. Dieser Taxifahrer ist aber eine sehr coole Sau. Er war kein Soldat im eigentlichen Sinne (oder zumindest nicht lang), sondern Kameramann. Er hat Filme für die Army gedreht und dabei vier Präsidenten nacheinander persönlich kennen und filmen gelernt. Von Nixon bis Reagan, wenn ich das richtig im Kopf habe. Reagan was a fine lad. Aber der Taxifahrer muss nun Taxi fahren, auch wenn er nicht mehr der Jüngste ist: Präsidenten-Filmen ist in diesem Land offenkundig kein lukratives Geschäft.

2. Niagara Falls, the Beautiful, and the Sublime. Or: Fuck Capitalism

Niagara Falls. Ich war da. Es ist beeindruckend. Aber: es gibt ein ‘Aber’.

Nähern wir uns der ganzen Sache mal mit Hilfe der Perspektive von Meriwether Lewis, jenem Offizier, der mit seinem Kollegen Clark die später sehr sinnvoll ‘Journals of Lewis und Clark’ genannten Tagebücher geschrieben hat. Die beiden waren von 1804 bis 1806 unterwegs im damaligen Louisiana (das nicht wie heute bloß ein südlicher Zipfel der USA war, sondern quasi ziemlich viel, das so zwischen der Ost- und der Westküste lag). Die beiden sollten im Auftrag von President Jefferson (ah! Den kennt man doch! „We hold these truths to be self-evident …“) gemeinsam mit einer kleinen Abenteurer-Mannschaft Handelswege erschließen, sich mit ein paar Natives kurzschließen, ob da was geht (economically speaking), und dieselben am besten auch noch ein bisschen zivilisieren. Während der Reise trafen sie auf die Niagara Falls. Folgendes weiß Lewis in seinem Journal zu berichten:

„immediately at the cascade the river is about 300 yds. wide; about ninty or a hundred yards of this next the Lard. bluff is a smoth even sheet of water falling over a precipice of at least eighty feet, the remaining part of about 200 yards on my right formes the grandest sight I ever beheld, the hight of the fall is the same of the other but the irregular and somewhat projecting rocks below receives the water in it’s passage down and brakes it into a perfect white foam which assumes a thousand forms in a moment sometimes flying up in jets of sparkling foam to the hight of fifteen or twenty feet and are scarcely formed before large roling bodies of the same beaten and foaming water is thrown over and conceals them. […] from the reflection of the sun on the sprey or mist which arises from these falls is a beautifull rainbow produced which adds not a little to the beauty of this majestically grand senery.“

Was lernen wir daraus? Lewis geht sparsam mit Satzzeichen und Großbuchstaben um. Die krude Schreibweise geht aber in Ordnung: Ich bin sicher, dass man aus den benutzten Buchstaben alle Wörter so neu zusammen setzen kann, dass sie mit der Orthographie des heutigen amerikanischen Englisch konform gehen. Selbst „senery“ ist verzeihlich. 😉 Was lernen wir noch? Die Niagara Falls waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein ungetrübtes, reines Naturerlebnis. Lewis beschreibt die Fälle in der zitierten Passage als „beautyfull“ – an anderer Stelle benutzt er aber sogar das Wort „sublime“, und auch insgesamt passt seine Beschreibung besser zum Erhabenen, zieht man die Unterscheidung der kantischen Ästhetik heran. Und das bietet sich tatsächlich an: Offiziere wie Lewis waren gebildete Leute und mit den Grundlagen der Ästhetik in der europäischen Philosophie durchaus vertraut. Auch wenn Lewis das Schöne und das Erhabene hier gleichzusetzen scheint: Die Verwendung des Wortes „sublime“ ist kein Zufall. Lewis erklärt seine Beschreibung für „imperfect“ und beklagt sich bei seinem ‘Tagebuch’, dass die Schönheit der Niagara Falls nicht zu fassen ist – womit er das Unendliche und Absolute zumindest andeutet, wenn auch nicht benennt. Ob man das Erhabene wie Kant halbwegs negativ im Sinne eines schrecklichen Wohlgefallens (schrecklich, da man das Unendliche fühlt, aber nicht verstehen kann) oder wie spätere (auch amerikanische) Transzendentalisten positiver deuten mag: Das Erhabene der Niagara Falls ist heute verschwunden. Wenn man ganz nah heran fährt, dann kann man sich erfreuen an der „reflection of the sun on the sprey or mist“ und dem Regenbogen; aber selbst dann wird das Erahnen der Unendlichkeit doch gehemmt von zweihundert beregenmäntelten Touristen, die sich auf dem Schiff namens Maid of the Mist drängeln, sodass man nicht mehr an das Absolute, sondern vielmehr an dicke Menschen in blauem Plastik denken muss, die einem auf die Füße treten. Das Schiff hätte für die Frechheit, zweihundert Leute auf einmal zu den Wasserfällen zu kutschieren, um ordentlich abkassieren zu können, eine Neu-Interpretation des Attributs of the Mist durchaus verdient.

Der Kommerz und, wenn man darunter mit Max Weber das Streben nach Gewinn im kontinuierlichen, rationalen kapitalistischen Betrieb versteht, der Kapitalismus, sind auch in der Stadt rund um die Wasserfälle – die Stadt heißt ebenfalls Niagara Falls – allgegenwärtig. Kaufe hier, kaufe da, und alles blinkt. Ich dachte zunächst, wir hätten uns verfahren und seien in Las Vegas gelandet. Und es gibt tatsächlich ein riesiges Casino. Und ein Restaurant in einer riesigen Kugel hoch oben auf einem Betonturm, von der aus man den Blick auf die Fälle zu genießen hat. Allein die Fahrt dort hoch kostet ein Vermögen; und wenn man einmal oben ist, erwartet einen wahrscheinlich keine Suppenküche für Obdachlose. Auf der amerikanischen Seite der Wasserfälle ragt gleich hinter den Fällen ein bei Tage grauer Wolkenkratzer in die Höhe, der nach Einbruch der Dunkelheit von einer elektronischen Wasserfall-Attrappe geziert wird. Buntes leuchtendes Fake-Wasser stürzt das Hochhaus elektronisch hinab und doppelt die echten Niagara Falls, und zieht fast mehr Aufmerksamkeit auf sich als die (nachts immerhin bunt angestrahlten) echten Wasserfälle selbst – und das Ganze direkt hinter den Niagara Falls. Warum?

Dennoch: Die Wasserfälle selbst sind einzigartig schön (schön, nicht erhaben). Und für einige Sekundenbruchteile, wenn das Schiff Maid of the Mist ganz nah an die Fälle heranfährt, kann man sich einbilden, der ganze Kapitalismus rundherum, der hier weniger Menschen als vielmehr die Natur ordentlich ausbeutet, sei nicht existent, und man kann sich am Wasser erfreuen, das auf die eigene Nase sprüht, und an der schieren Wucht und Naturgewalt, die einen umgibt. Und auch wenn die Fälle des Nachts ab und an rosa angestrahlt werden: Das ist allemal schöner und beeindruckender als das Hochhaus mit dem blinkenden Fake-Wasser.

Ich habe ein paar Fotos von den tollen und aufregenden sowie den böse-kommerziell-hässlichen Seiten der Niagara Falls sowie der dazugehörigen Stadt zusammengestellt. Die können vielleicht noch einen besseren Eindruck geben als meine Worte, denn bei erneutem Durchlesen meines Textes bin ich geradezu „disgusted with the imperfect idea which it conveyed of the scene,“ wie Kollege Meriwether Lewis (offenbar hat er sich während des Schreibens des Journal-Eintrags Rat bei Clark geholt, ob “sene” wirklich richtig ist) es ausdrucken würde. 😉

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Operation Shutdown: Not My Cup of Tea

Es ist soweit. Amerikas Regierung ist dicht. Zum ersten Mal seit 17 Jahren. Die Republikaner, bzw. die rechte Tea Party, also die Bösesten der Bösen, verweigern die Abstimmung zum neuen US-Haushalt, weil sie beleidigt sind und Obama Care nicht mögen. Weil die Gesundheitsreform (die ja mit der Haushaltsverabschiedung erstmal rein gar nichts zu tun hat) am sehr weit rechts gepflanzten Bäumchen ihrer individualistischen Grundeinstellung rüttelt, bis gleich dutzendweise konservative Träumchen herunterpurzeln.

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Die Tea Party nach dem vereinsinternen Beschluss, die Verabschiedung des US-Haushaltsplans zu vereiteln und für Obamas Gesundheitsreform grausame Rache zu üben.

Der government shutdown kann nun aber gravierende Konsequenzen haben – die Amerikaner können ihre Schulden, etwa an China, nicht zurückzahlen. Ich hoffe, das macht die zahlreichen Chinesen an der CMU nicht wütend. Mein chinesischer room mate sieht aber zur Zeit nicht sehr wütend aus. Er sitzt gerade am Schreibtisch gegenüber und zockt Online-Spiele gegen Freunde in seiner Heimat. Ich habe mit ihm noch keine politische Diskussion geführt. (Genau genommen, habe ich mit ihm noch gar keine Diskussion geführt. Und auch kein Gespräch. Er ist etwas verschlossen. Aber vielleicht brodelt es in ihm! Vielleicht spielt er Online-Spiele, weil er Angst vor Amerikas Zahlungsunfähigkeit hat und das verdrängen muss!)

Dennoch: China wird es nicht gut finden, wenn Amerika seine Schulden nicht abbezahlen kann. Und der Rest der Welt wird es auch nicht gut finden, wenn Amerika überhaupt gar nichts mehr zahlen kann. Möglich, dass die nächste Finanzkrise droht.

Eine viel unmittelbarere Auswirkung des government shutdowns ist momentan jedoch, dass bis auf essentiell wichtige Posten zur Zeit überhaupt keine federal employees mehr arbeiten. Sie haben unbezahlten Zwangsurlaub.

U.a. geschlossen sind auch National Parks und Monuments. Wer dieser Tage in Nationalparks oder vor einem Monument zu heiraten gedachte, ist nun gelackmeiert. In der TV-Show ‘Colbert Report’ hat gestern ein Paar vor einer Pappwand-Attrappe des Jefferson Memorial geheiratet. So weit ist es gekommen …

Und all das, weil die ****** Tea Party beim vereinsinternen Kaffeekränzchen beschlossen hat, dass ihnen Obamas Health Care nicht rechts genug ist. Sie behaupten, die Amerikaner wollten die Krankenversicherung für alle nicht. Seltsam nur, dass sämtliche Server am 1. Oktober (der erste Tag der Implementierung des neuen Gesetzes) unter der Wucht der Online-Anträge von Millionen Amerikanern zusammenbrachen. Und recht haben sie (die Amerikaner, nicht die Server): Die Reform ist doch ‘ne tolle Sache. Das einzig in der Tat in republikanischer Manier Verteufelnswerte daran ist der Name, ‘Obama Care’, und selbst das ist immer noch besser als die deutsche ‘Riester-Rente’.

Optimistisch stimmt, dass Anhänger extremer republikanischer Gruppen meist alt sind. In keiner Weise weise, aber sehr, sehr alt – sie haben George Washington in vielen Fällen noch persönlich gekannt –, und eines Tages werden sie dann wohl aber doch im konservativen Afterlife landen (da gibt’s keine gesetzliche Krankenversicherung) – und dann wird Amerika gegenüber einem gerechteren Gesundheitswesens toleranter sein. Und Lebensmittelkarten für Bedürftige werden dann auch weniger oft verteufelt. Und auch die homophoben Stimmen werden dann weniger.

Die Tendenz in die richtige Richtung ist ja schon da. Wären da nur nicht populäre Splittergruppen wie die Tea Party, die auch mal eben eine ganze Regierung lahm legen können. Die Entwicklung könnte für meinen Geschmack (ich stehe auf roten Hagebutten-Tee – welch knifflige Chiffre!) durchaus mal einen ordentlichen Zahn zulegen. Wie wär’s mal mit einer Rede von Giftzwerg Gregor Gysi im US-Senat? Und die Institution ‘Tea Party’ kann man getrost komplett in den Hafen von Boston kippen, bevor sie sich endlich von selbst auflöst.

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Über das wahre Ausmaß der republikanischen Sünden lässt sich kaum streiten. Obige Darstellung ist allerdings definitiv ein wenig verharmlosend und allein dafür gedacht, den Beitrag visuell ein wenig aufzupeppen.

Impressions from Lake Michigan

Die Great Lakes in Michigan sind ein Glücksfall der Natur. Steht man vor einem dieser riesigen Gewässer, erhält man eine Idee davon, wie groß und weit Amerika und die Welt eigentlich sind. Denn die Great Lakes sind kaum mehr Seen – es fühlt sich an wie Ozeane. Und ich habe am Lake Michigan und am Lake Huron, und vor zwei Wochen am Lake Ontario, sogar einen Hauch von Freiheit gespürt: nicht die stumpfsinnig-amerikanische Freiheit, die in einem Rausch von narrow-minded patriotism die Möglichkeiten dieses Landes preist. Sondern ihr Gegenteil. Denn durch ihre Lage am Rande der USA, teilweise sich über kanadische Weiten erstreckend, durch ihre schiere Größe, durch ihre “Erhabenheit” (Kant), die mir fast Angst macht, weisen diese Seen weit über die USA hinaus und zeigen dem riesigen Land tatsächlich, teils auch im Wortsinn, die Grenzen auf. Die Welt ist groß und die Welt ist schön, und man kann sie erleben. Das sagen die Great Lakes. 😉

Auf den Fotos: Lake Michigan und zwei seiner Küsten. Auf den letzten beiden Fotos die Sand-Dünen am nördlichen Ufer des Lake Michigan im Silver Lake State Park.

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American Football Experience – eine manchmal ironische Würdigung

Ich hab’s getan. Ich habe mein erstes American-Football-Spiel gesehen. Live, im Stadion meines hauseigenen Uni-Teams. Heimspiel: CMU gegen New Hampshire. Die ‘Chippewas’, so der einem native American tribe entlehnte (und von diesem anno dazumal offiziell ‘entliehene’) Rufname unserer Footballer, sind nicht dafür bekannt, regelmäßig Siege einzufahren. Heute aber klappt’s: New Hampshire wird mit 24:21 wieder nach Hause geschickt.

Im Folgenden möchte ich mein neu gewonnenes kulturelles Wissen teilen und einen Einblick geben in Amerikas Football-Faszination.

I. Spielkleidung

Alle Spieler, die in der Football-Szene ernst genommen werden wollen, tragen eng geschnittene Hosen, die entfernt an Höschen von Eiskunstläufern erinnern (allerdings nur im Schnitt, die Farbgebung weicht zwecks Betonung hegemonial-männlicher Charakter- und auch Körpereigenschaften ab und verzichtet auch auf Glitzer), sind im Schulterbereich großzügig mit Einlagepads ausgestattet und tragen Helme mit Gitter vorm Gesicht, um durch die leicht herzustellende Zoo-Analogie die intendierte Assoziation mit gefährlichen Tieren zu erleichtern.

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Spieler, die in der Szene ernst genommen werden wollen, tragen vergitterte Helme. Es gilt die Faustregel: Je größer der Helm, desto größer das Prestige. Bei diesem Exemplar hat der Hersteller sich jedoch verschätzt; es wird seither im Stadion der CMU als Spielertunnel für die Heim-Mannschaft genutzt.

II. Die Regeln

Die Regeln eines Footballspiels sind schnell erklärt. Beide Mannschaften versuchen, einen Football (vgl. III. Spielgerät) über eine Linie zu tragen, die sich hinter der Defensive des Gegners befindet. Man kann den Ball auch werfen oder schießen, oder wie ein Seehund auf der Nase balancieren. Hauptsache, man kriegt das Spielgerät über die Linie und erzielt so den ‘Touchdown’ (von engl. touch = berühren, abtasten, anfassen sowie engl. down = herab, herunter, abwärts). Ein Touchdown bringt der downtouchenden Mannschaft sechs Punkte ein (warum nicht sieben? Weiß niemand), und anschließend können in einem Zusatzversuch nochmal ein oder zwei Punkte erzielt werden. Wirkt etwas willkürlich, sorgt aber für spektakuläre Ergebnisse im dem Fußball numerisch überlegenen Bereich. Ein sog. ‘Field Goal’ würde drei Punkte einspielen, übrigens.

Wie die Spieler sich über das Feld bewegen, ist eigentlich ihnen überlassen: Nennen wir es ‘Free Style Scampering’ (abgel. von engl. to scamper = flitzen, umherhuschen, herumhüpfen – alle drei Bedeutungen sind auch erlaubt). Der Gegner darf versuchen, die sich im Vorwärtsgang befindliche Mannschaft, namentlich den ballbalancierenden Spieler, mit allen Mitteln aufzuhalten. Schusswaffen sind nicht erlaubt, ansonsten aber gilt hier die Regel des ‘Free Style Tackling’ oder ‘Free Style Bopping’ (abgeleitet von engl. to bop = knuffen). Steinschleudern sowie Pfeil und Bogen sind im offiziellen Regelwerk ebenfalls nicht vorgesehen, werden von großzügigeren Schiedsrichtern aber zumeist übersehen.

Beim Versuch, einen ballbalancierenden Spieler zu Fall zu bringen, stolpern alsdann alle Gegner gleichzeitig in den betreffenden Spieler hinein, sodass der ganze Menschenpulk übereinanderfällt. Der so aufgeschichtete, oft meterhohe Spielerhaufen bleibt wegen der Unbeholfenheit der Spieler, die sich in ihren Uniformen schlecht aus der Situation befreien können, einige Minuten so liegen, bis der Referee eine Möglichkeit gefunden hat, den Pulk zu entwirren. Bereits zwanzig Minuten nach dem Aufprall der Spieler (landesweiter Durchschnitt nach eigenen Schätzungen) wird der nächste Spielzug angepfiffen, der wiederum so lange andauert, bis mehrere Spieler zusammenstoßen und lustig aufeinanderpurzeln. Nach diesem Muster bewegen sich alle Spieler auf dem Spielfeld von links nach rechts und von rechts nach links – mal in Richtung der einen, dann in Richtung der anderen Defensive. Das Spiel endet nach 60 Spielminuten, die, alle Päuschen und Pausen durch Aufeinander-Purzeln und Sich-wieder-Entwirren eingerechnet, um zwei bis drei Stunden ergänzt werden und so zum nachmittagfüllenden Programm geraten – welches dank der Kurzweil, stattlichen Stolpersportlern bei ihrem Tagwerk zuzuschauen, im Nu vergeht.

III. Spielgerät

Das Spielgerät ist ein Ball, der sich ‘Football’ nennt, weder der Form nach aber einem Fuß ähnelt noch von diesem Körperteil bevorzugt befördert wird. Die Beförderung mit behandschuhten Pranken oder durch geschicktes Auf-der-Nase-Balancieren ist in Insider-Kreisen deutlich angesehener und „separates the men from the boys“, wie Flint Forest (Name geändert), ein nach eigenem Wunsch hier anonym bleibender Spieler, mir verraten hat.

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Ein Football. Aber nicht irgendein Football, sondern ein entfernter Verwandter des berühmten Wilson aus dem Film ‘Cast Away’ mit Tom Hanks. Hier sehr gut zu sehen die Darstellung der Narbe des ersten je in einem Footballspiel verletzten Spielers (heute oft als ‘Griff’ verkannt) sowie die eiige und dennoch überraschend spitze Form eines Footballs. 

Um den amerikanischen Football vom herkömmlichen Fußball klar abzugrenzen, nutzte man anfänglich einen nicht aufgepumpten Fußball, der die Form eines Eis hatte. Die Schwierigkeiten, diesen Ball zu werfen und zu treten, wurden flugs erkannt und der schlaffe Lappen durch einen eigens genähten, nun voll aufgepumpten Ball ersetzt, der jedoch nach wie vor die Form eines Eis hat, allerdings eines Eis mit sehr spitzen Spitzen (vgl. Foto). Um den bewussten Bruch mit ästhetischer Perfektion zu symbolisieren, aus dessen ironischem Geiste die Sportart ‘Football’ geboren wurde, wurde auf eine völlige Rundung des Balls verzichtet. Kenner der Szene schwärmen bis heute von diesem subtilen Wink mit dem metareflexiven Zaunpfahl. (Zaunpfähle sind im Football-Regelwerk übrigens nicht ausdrücklich als Mittel zum Ballgewinn untersagt, Schiedsrichterauslegungen gehen hier aber auseinander.)

Der amerikanische Football (wiederum ist das Spielgerät, nicht das Spiel gemeint) weist einen aufgenähten Griff aus weißem Leder auf, der dem werfenden Spieler überhaupt gar keine Hilfe ist (ich habe das selbst mal ausprobiert, auf dem Hinterhof meines Wohnheims). Flint Forest (s.o.), der in der Tat ein Kenner der Szene ist, weiß zu berichten, dass der Aufdruck (vgl. Foto) ursprünglich die Narbe im Gesicht des ersten auf dem Feld verletzten Football-Spielers symbolisieren soll. Wie auf jedem Football leicht nachzuzählen, wurde dessen Wunde mit 16 Stichen genäht. Die Verewigung seiner Narbe auf einem jeden Football half ihm über eine erste Unzufriedenheit mit der eigenen Narbe schnell hinweg.

IV. Tailgating und Cheerleading

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Den allermeisten Zuschauern – von vor Stolz (oder übermäßigem Burger-Verzehr) platzenden Spielervätern einmal abgesehen – geht es beim Besuch nicht im den Sport an sich. Es geht um: Essen und Trinken. Und um Party. Und um katharsis (in der genitivus-partitivusÜbersetzung: Reinigung von den Leidenschaften). Helden werden geboren, die man bejubeln kann; eine Identität erwächst aus einzelnen Menschen in einer Fankurve, die die gleichen Chöre Richtung Spielfeld schleudern.

Zudem nimmt hier das sog. Tailgating (von engl. tailgate = die Heckklappe) eine Schlüsselfunktion ein. Es handelt sich um ein sehr amerikanisches Phänomen, das die Pre-Parties vor großen Sportereignissen auf die Parkplätze um ein Stadion herum verlegt; und auf diesen Parkplätzen wird, aus schier unerschöpflichen Kofferräumen schöpfend, Fleisch gegrillt, werden Marshmallows verzehrt, wird Bier getrunken. Und alle jubeln, viele tanzen sogar – teils auf den Autos, die lustig wackeln. Ein Volksfest. Dieses setzt sich im Stadion nahtlos (nahtloser jedenfalls als das Spielgerät und so manches Spielergesicht, ob dieses wenig zimperlichen Sports) fort. (Ich bin übrigens sicher, dass ein guter Teil der ‘Tailgater’ während des Spiels auf den Parkplätzen bleibt, weil es ihnen dort so gut gefällt.) Im Stadion überbrücken die Cheerleader, gut gelaunte Barbies in Röckchen in den Mannschaftsfarben, die endlos langen Pausen, während derer die Spieler versuchen, sich aus den Menschenbergen, in die sie qua Zusammenprall gepurzelt sind, wieder zu befreien. Und man bekommt den Eindruck, als ginge es beim Footballspiel um diese Pausen, gefüllt durch Musik der marching bands und die Choreographien der Cheerleader – Sinnbilder für ein Nichts, das das Football-Event eigentlich ist – ein Nichts, in das die des Alltags überdrüssigen Amerikaner ihre Emotionen und ihre Leidenschaft leicht hineingießen können.

V. Much Ado about Nothing

Football ist in Amerika ein riesiges Volksfest. Den Spielern geht es vielleicht noch um den Sport (und um die Konstituierung einer Heros-Imagination, natürlich) – den allermeisten Zuschauern um eine Gelegenheit, Emotionen loszuwerden, abzuschalten, Spaß zu haben, tail zu gaten, cheer zu leaden. Und auch wenn sich all das um ein Nichts herum abspielt (die Regeln des American Football sind doch nur dazu da, um sie zu diskutieren, nicht um sie zu verstehen): Wer wollte es ihnen verübeln? Jedes Land braucht ein Nichts, das ihm wichtig ist. In das man sich bequem hineinlegen kann, ohne nachzudenken, das eine Plattform bietet für ein nicht auf Zweckhaftigkeit gerichtetes Handeln. Das funktioniert in etwa so wie der deutsche Schlager. Nur größer. Viel größer.

Football ist an amerikanischen Unis ein soziales Ereignis, zu dem es an deutschen Hochschulen kein Äquivalent gibt. Interessant, das miterlebt zu haben – auch wenn ich mich mit diesem Sport niemals anfreunden werde, eine Erfahrung war’s definitiv wert. 🙂

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Jetzt muss ich mich allerdings erholen (von Uni-Stress und Football-Ereignis) und fahre übers Wochenende an den Lake Michigan. Amerika hat viele Facetten. Wo die Idylle der Great Lakes und das Pop-Spektakel der Football-Großevents, Cheerleader und Tailgating und Marshmallows, so nah beieinander liegen, wird einem durchaus bewusst: Amerika ist ein wundersames Land. 😉

Newark – Detroit – Lansing – CMU: Eine Reise und eine Ankunft

Aus New York wieder raus, schön war das – aber weiter geht’s, zum Flughafen Newark jetzt, ab nach Detroit von hier aus, dann weiter nach Lansing – in die Hauptstadt von Michigan, eine Autostunde von meiner Universität entfernt. Meine kleine Odyssee – meine Reise nach und meine Ankunft in Michigan, die sich nicht zeitgleich mit meinem Eintreffen dort vollzieht (so einfach ist Reisen nicht), in der Retrospektive. Um Unmittelbarkeit vorzutäuschen, schreibe ich im Präsens.

Von Newark ins Internet und von Newark ins Flugzeug

Ich steige in Newark aus meinem Transportbus, nur drei Stunden geschlafen (der Abschied von dieser Stadt musste in der Nacht zuvor natürlich amtlich begangen werden), ich wanke kofferbeladen Richtung Empfangshalle des Flughafens. Drei Stunden Zeit – nicht schlecht; und wenig los, so früh morgens, gut. Einchecken. Dann Kaffee, grande, und ‘ne New York Times. Yes – die wollte ich schon immer mal dort lesen, wo sie geschrieben wird. Man fühlt sich der Welt so nah, wenn man weiß, nur wenige Kilometer entfernt haben wichtige schlaue Menschen die schlauen Buchstaben in ihren Computer gehauen, die ich nun lese – auratisch ein ganz neues Erlebnis! 😉 Ich lese einen Artikel über Angela Merkel und genieße trotz Angela Merkel und der Müdigkeit den frühen Morgen – und freue mich auf die nächste und längste und wichtigste Etappe meiner Zeit in den USA, zum Studieren bin ich schließlich (auch) hier. Eine Dreiviertelstunde, bevor das Boarding meiner Maschine nach Detroit beginnen soll, schlendere ich vergnügt in Richtung der Sicherheitskontrollen. Was mir entgangen ist: Der Flughafen hat sich nun doch ein wenig gefüllt. Eine lange Schlange möchte in die Richtung schlängeln, in die auch ich zu schlängeln beabsichtige. Aber: Nur ein Sicherheitsdurchgang am Flughafen Newark ist für dieses Vorhaben geöffnet. Und das dauert jetzt. Dauert, dauert, die träge Masse schiebt sich langsam nur nach vorn, ich klebe in ihr fest, das Gate ist so fern, Panik steigt auf, Stunden schleimen um mich herum und schnecken in Zeitlupe durch ein Portal, das in Größe und technischer Ausstattung der Apparatur ähnelt, die die Enterprise-Besatzung umgibt, wenn sie sich von Scotty up-beamen lässt. Das mit dem Beamen funktioniert hier aber nicht; teils verbringen Fluggäste Minuten in dieser Kapsel und werden durchleuchtet, befühlt, gestreichelt und geknufft. Die Panik wächst – den Flug werde ich verpassen. Und dann? Einen neuen buchen, ebenso einen neuen Anschlussflug ab Detroit – in Lansing würde ich so erst abends ankommen, lange nach dem verabredeten Zeitpunkt, zu dem meine gastgebende Uni, die Central Michigan University, mich freundlicherweise am Flughafen  up-picken möchte. Nach klebrigen Stunden flutsche ich endlich durch die Beam-Kapsel – und renne. Wer mich gut kennt, dem kommt das bekannt vor: Daheim in Bochum Werne soll man mich das ein oder andere Mal beobachtet haben, wie ich die 370 zu erreichen suche, loslaufend zum Zeitpunkt der fahrplanmäßigen Abfahrt; und Stimmen munkeln, auch in Frankfurt hätten Niklas und ich einen kleinen Sprint einlegen müssen, um das Abenteuer New York nicht zu verpassen. [Prolepse: Heute morgen erst musste ich rennen, um zur zweiten Sitzung eines Kurses nicht zum zweiten Mal zu spät zu kommen.] Ich renne wie ein Wilder über den Flughafen Newark. Im Laufen stecke ich für die Kontrolle herausgenommene Gegenstände zurück in meine Tasche und binde meinen Gürtel wieder um meine fliehenden Jeans. Ich renne, fliege, erreiche das golden mir entgegenschimmernde Gate zum Glück, reiße mein Ticket hervor und schleudere es den die Tickets und meine Zukunft kontrollierenden Damen am Portal entgegen.

Die aber schauen mich verständnislos an und schicken mich wieder fort – ich habe während meines gemütlichen Frühstücks verpasst, dass mein Flug um zweieinhalb Stunden verschoben wurde. Die Damen suchen mir auf mein verständnisarmes Stammeln hin einen neuen Anschlussflug heraus, aber wie soll ich meine Uni kontaktieren, um meinen Up-Picker über die verspätete Ankunft zu informieren? Telefonieren darf ich mit den Telefonen des Flughafens leider nicht, erfahre ich. Aber ich könne, so eine der wirklich freundlichen Damen, das WiFi des SkyClubs, eines Airport-Vereins für Gut-Betuchte, der hinter verschlossenen Türen Häppchen, Sekt und Internet anbietet, um das Warten in Gate-Nähe zu verkürzen, anzapfen. Ja richtig, telefonieren gehe nicht, aber ich könne mich einfach auf den Teppich setzen, gleich vor dem Eingang in den erlauchten SkyClub, passwortgeschützt sei deren Netz nicht, und in der Regel gut zu empfangen. Ich schreibe also, im Schneidersitz den Eingangsbereich des elitären SkyClubs zierend, eine Mail an meine Uni (das SkyClub-WiFi ist in der Tat problemlos zu empfangen) und surfe ein weiteres Stündchen entspannt durch die Weiten des WWW. Hier scheine ich niemanden zu stören (die Sicherheitsbeamten sind ja auch alle um Scottys Raumkapsel versammelt). Vor dem SkyClub hockend, kann man im Internet tun, was man möchte, dank SkyClub-WiFi. Ich atme wieder ruhig und freue mich meines Lebens. Knappe zweieinhalb Stunden später passiere ich doch noch mein goldenes Gate.

Im Flugzeug nach Detroit – Visitenkarten in Detroit – von Detroit nach Lansing

Im Flieger nach Detroit sitze ich neben Liz, einer Amerikanerin, die nach zweieinhalb Jahren in New York und Peking erstmals wieder in ihren Geburtsstaat Michigan fliegt, um dort ihr Studium zu beenden. Sie erklärt mir ihre Welt (Amerika und Peking) und ist sehr nett. Sie ist die erste, die mir anhand der eigenen michiganförmigen Handfläche erklärt, wo in Michigan welche Orte zu finden sind (in den letzten Wochen habe ich aus Dutzenden Handflächen Lokalitäten abgelesen!), erzählt mir von den schönen Seiten Michigans (die Great Lakes, Detroit früher) und den provinzielleren (ihre Heimatstadt irgendwo im Wald) und den weniger schönen (Detroit heute). Am Flughafen Detroit lerne ich eine nicht allzu schöne Seite Michigans kennen, den Flughafen Detroit.

Hier allerdings treffe ich auf einen netten braungebrannten Michigander (so nennt man die Einwohner Michigans tatsächlich!), der mich, vielleicht aufgrund meiner verwirrten Blicke (anlässlich des Äußeren des Inneren des Flughafens Detroit), anspricht und fragt, woher ich komme und wohin ich gehe (ein Philosoph). Ich erzähle ihm mein Leben, und zum Dank drückt er mir seine Visitenkarte in die Hand – wenn in Lansing etwas schief geht, darf ich ihn anrufen, dann kutschiert er mich persönlich bis in mein Wohnheim. Ich bedanke mich überwältigt, und kurze Zeit später sitze ich im Flieger nach Lansing.

Meine Sitznachbarin in diesem Flugzeug entschuldigt sich, dass sie vor dem Gate zufällig mit angehört habe, welches mein Reiseziel und welcher Natur meine Sorgen über die Weiterreise seien. Sie drückt mir ihre Visitenkarte in die Hand, sagt, sie selbst habe an der CMU studiert und würde sich freuen, mich, sollte in Lansing etwas schief gehen, bis in mein Wohnheim zu kutschieren. Liz, der Visitenkartenmann, die Visitenkartenfrau: Meine ersten Eindrücke der Eingeborenen in Michigan sind gut! (Hier habe ich in rhetorischem Übermut die amerikanische Siedler zu Eingeborenen gemacht – über die eigentlichen Ureinwohner Michigans wird in diesem Blog noch zu schreiben sein.)

Von Lansing nach Wetter

Meine ersten Eindrücke des Flughafens Lansing sind schlecht. Sehr schlecht. Topfpflanzen in dunkelbraunen Kisten blicken mich traurig an, es ist still, sehr still, zu still; der Flughafen riecht nach den 70er Jahren und sieht auch so aus. Hätte die Ruhr-Uni Bochum einen Flughafen, das hier wäre er. Ich setze mich, da ich erst in zwei Stunden up-gepickt werden soll (meine E-Mail-Aktion vor dem SkyClub war erfolgreich), in eine Cafeteria. Allerdings nur zehn Minuten, denn die Cafeteria des Flughafens Lansing schließt pünktlich um 18 Uhr. Ich werde verständnisvoll (mein Gesicht sieht wohl so aus, als hätte ich einen Kaffee bitter nötig) auf die Cafeteria jenseits der Sicherheitskontrollen aufmerksam gemacht, setze mich dorthin in Bewegung, darf die Sicherheitskontrollen aber nicht passieren, da ich kein Ticket für einen Abflug aus Lansing besitze. Also Cola aus dem Automaten. Lansing, die Hauptstadt von Michigan? Der Hauptbahnhof in Wetter ist meine erste Assoziation, als ich mein Gehirn systematisch nach Vergleichsmöglichkeiten durchforste.

Von Lansing in die Leere, von der Leere zur Block Party

Die Central Michigan University liegt weit, weit draußen, sehr ländlich, mitten drin im Staat Michigan – und das bedeutet hier wirklich: sehr zentral. Der Name der Universität ist weise gewählt; eine Western, Eastern, Northern und Southern Michigan University gibt es übrigens auch: kreativ!

Der Empfang ist freundlich (durch meinen mich up-pickenden Fahrer und auch in meiner residence hall, in die ich gleich einziehen kann – endlich bin ich, nach 14 Stunden Reise von New York aus, am Ziel). Zwei von insgesamt drei Mitbewohnern, mit denen ich zwei Zimmer und ein Arbeitszimmer bewohnen werde, lerne ich bereits heute Abend kennen: sehr nette Jungs aus Singapur.

In der Folge aber, und das gilt für die gesamte folgende erste Woche an meiner neuen Universität, stellt sich ein Gefühl der Leere ein. New York rauscht nicht mehr um mich herum. Der Campus ist verlassen – die internationalen Studierenden sind eine Woche eher bestellt, als die meisten amerikanischen Kommilitonen eintreffen werden. Ich lerne einen amerikanischen Studenten kennen, der bereits hier ist – sein Gesprächsthemenrepertoir beschränkt sich jedoch auf Bier und auf die Cheerleader des CMU-Football-Teams. Drei holländische Kommilitonen steigen freudig ein, diskutieren mit, ob und wie Cheerleader verführt werden können – und ob amerikanische Studentinnen unter 21 von holländischen Studenten über 21 rechtlich überhaupt verführt werden dürfen (dürfen sie). Der chinesische Kollege, mit dem ich in den nächsten vier Monaten mein Zimmer teilen werde und der an meinem zweiten Tag eintrifft, denkt offenkundig weniger über Cheerleader nach – oder er teilt mir seine Gedanken diesbezüglich zumindest nicht mit. Überhaupt teilt er mir wenig mit. Dass ich ihn die gesamte erste Woche für einen Japaner gehalten habe, er sich dann jedoch als Chinese entpuppt hat, mag symptomatisch sein für unsere nicht sonderlich ausufernde Kommunikation. Die meisten Silben lässt er mir nachts zuteil werden – er schnarcht in recht ausgeprägter Facon. Das mag für mich auch gelten – davon kriege ich nichts mit; aber ich hoffe es! Rache! 😉

Ich halte mich an den Folgetagen an die Kollegen aus Singapur, zwei Französinnen, eine Mexikanerin und drei Deutsche, und versuche nebenbei, weitere amerikanische Kommilitonen kennenzulernen (einige sind sogar schon vor den Internationalen eingetroffen). Klappt ganz gut – ein sehr netter, leider bald für seinen Ph.D. abwandernder Museumswissenschaftler (ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt) ist sympathisch, und einige weitere nette Leute lerne ich kennen. Roberto, mein ausgeflippter residence adviser, ist unberechenbar und fragt auf meine Aussage, meine Augen seien blau-grau, zunächst nach, ob mein eines Auge blau, das andere grau sei; als ich verneine, vermutet er, dass meine Augen von Zeit zu Zeit ihre Farbe wechseln. Er hat braune Augen und kommt aus Mexiko. Dort gelten für Augen offenkundig andere Gesetze. Roberto ist trotzdem cool.

Unter den Internationalen an der CMU befindet sich Deutschland rein ziffernmäßig auf den hinteren Plätzen. Mit fünf Studierenden sind wir weit vor den Iren (ein Vertreter) gelandet; gegen die ca. 100 Chinesen kommen wir aber nicht an. 😉 Unter diesen, wie auch im Falle einiger anderer zahlenmäßig hier stark vertretener Nationen zu beobachten, findet übrigens eine Ghettoisierung statt. In die Cliquen der Chinesen kommt man nicht rein, sie leben für sich und versorgen sich selbst; Gleiches gilt aber auch für die drei an Cheerleadern interessierten Holländer, die sich mittlerweile mit einem Italiener und zwei Italienerinnen zusammengetan haben. Auch in diese Gruppe kommt niemand mehr rein – das ist unmissverständlich. Sollte einer der drei Holländer sein Interesse an Cheerleadern durch ein Interesse an einem gleichgeschlechtlichen Italiener ersetzen und sollten die beiden anderen Holländer eine Neigung für Italienerinnen entdecken, gestaltet sich der Arbeitsalltag der cheerleadenden CMU-Bevölkerung in den nächsten Wochen möglicherweise entspannter.

Das Gefühl der Leere bleibt. Auch, als der Campus sich langsam zu füllen beginnt. Die amerikanischen Studenten scheinen, auf den ersten und zweiten Blick jedenfalls, einige Klischees zu bedienen. Einige Schränke (mit tiefen, nuschelnden Ami-Slang-Stimmen), denen man sofort ihre Zugehörigkeit zum CMU-Football-Team ansieht, laufen herum. Und einige Studentinnen sind arg bunt und barby-mäßig angezogen: Ray-Ben-Brillen sind oft die einzigen äußeren Kennzeichen, aus denen man mit viel Phantasie ein Symbol für intellektuelle Betätigung herausdeuten könnte (mit sehr viel Phantasie). Das Gefühl der Leere bleibt.
Dann kommt der Tag, an dem die amerikanischen freshmen eintreffen – und den Campus in einen Schauplatz einer einzigen großen Party verwandeln. Das wirkt zuweilen sehr befremdlich (die innere Leere bleibt) – insbesondere, wenn alle freshmen einen Tag lang in Safari-Kleidung über den Campus laufen. Ohne Ausnahme. Aber irgendwie ist auch ein ganz besonderer Geist in der Luft: ein Geist von Vorfreude auf das universitäre Leben, auf das Leben fernab von zuhause, für die freshmen zu großen Teilen das erste Mal in ihrem Leben. Ich denke an mein erstes Semester in Bochum zurück und kann mich eines weisen, lebenserfahrenen Lächelns nicht erwehren. Nein, wirklich: Ich freue mich, dass dieser Geist hier in der Luft liegt. Und zum ersten Mal spüre ich, welche Vorteile dieser Campus hat, dieser abgelegene Ort, der dafür aber ein großer und schöner ist, angelegt wie ein großer Park. Man könnte es eine Idylle nennen. Die Abendsonne taucht die Bäume und die alten Backsteingebäude in ein erhabenes Licht, und auf den Wiesen sitzen Safari-freshmen. In Scharen. Auch die anderen amerikanischen Studenten kehren allmählich zurück, und auch wenn viele sehr bunt sind, und viele weitere aussehen, als lebten sie nur auf dem Footballfeld: Die Stimmung packt mich doch, die Leere weicht der Vorfreude auf das Semester.

Die Leere kehrt noch einmal zurück, als mir Erschreckendes über die amerikanischen Behörden am Beispiel erzählt wird. Von einer Kommilitonin wird mir berichtet, dass ein deutsches Mädchen stundenlang am Flughafen in New York festgehalten wurde, weil man ihr nicht glauben wollte, dass sie für die Familie, bei der sie einige Monate wohnen wird, nicht arbeiten werde. Angeschrien wurde sie, immer wieder, als Lügnerin beschimpft. Erst nach Stunden durfte sie den Flughafen verlassen. Sie hat es geschafft, in die USA einzureisen – aber mit was für einem Willkommen; und was wird bleiben von diesen Erlebnissen bei der Einreise? Wenn es schon mir einen Stich versetzt, davon nur zu hören – wird das Mädchen die Zeit im Land der Freiheit genießen können? In was für einem Land bin ich gelandet?

Zu Beginn meiner zweiten Woche stehen Ereignisse an, die mir dann doch wieder wärmere Gefühle bescheren.

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Campuskultur: Welcome Reception, Campus by night, Wünsche amerikanischer Studierender (viele auf der Suche: nach sich selbst, nach Nemo und nach Horcruxen).

Eine Reception der internationalen Studierenden auf den Wiesen des Campus sorgt für ein Gefühl des Willkommen-Seins. Während einiger von Studenten gespielter Theaterszenen, die alle neu in die residence halls eingezogenen Studenten über Rassismus, Homophobie und Drogenmissbrauch aufklären sollen, werden Lieder abgespielt – und das größtenteils amerikanische Publikum singt sie alle leise mit. Die Lieder kenne ich sogar, und eigentlich mag ich sie nicht. U.a. wurde da ‘Miss Me When I’m Gone’ von Anna Kendrick abgespielt (hier singend und sich selbst mit einem Becher begleitend in David Lettermans Late Night Show zu sehen: http://www.youtube.com/watch?v=4vP1Z5tmww4) – Anna Kendrick kann etwas (ein bisschen singen und mit einem Becher rhythmisch klopfen), hat den unbedingten Willen zum Erfolg und findet sich, zumindest in der Öffentlichkeit, “amazing”. Klingt ziemlich amerikanisch. Als aber einige Hundert amerikanische Studenten anfangen, dieses Lied erst murmelnd, dann lauter mitzusingen (ohne Becher allerdings), stellt sich bei mir doch tatsächlich eine Gänsehaut ein. Hat meine Transformation in einen Amerikaner begonnen (in der Mensa habe ich auch schon das ein oder andere Mal Burger und potato stew gegessen)? Oder werde ich auf meine alten Tage einfach sentimental?
Letzte Woche dann fand eine Block Party auf dem dem Hinterhof unseres Wohnheims statt. Und dort wurde getanzt, dass das Zusehen eine Freude war: 40, 50 Studenten fangen ganz plötzlich an, sich zu einem Lied zu bewegen, als hätte es dafür langer Übung bedurft, und flippen dann richtig aus. Und die Polizeibeamtin, die für unsere Seite des Campus zuständig ist, tanzt mit – in voller Montur, in der dunkelblauen Police-Officer-Uniform der USA und mit einem Lächeln im Gesicht bewegt sie sich begeistert und die Hüften kreisend zu den Klängen auf unserem backyard. So etwas habe ich in Deutschland nie gesehen.

Die Central Michigan Universitiy wird in einigen nationalen Rankings übrigens als eine der Universitäten mit dem höchsten Party-Faktor geführt. (U.a. immerhin ein ansehnlicher 52. Platz unter 497 gerankten amerikanischen Universitäten hier: http://www.myplan.com/education/colleges/college_rankings_11.php.) Da habe ich ja voll ins Schwarze getroffen – die Party-Rankings werde ich in jeder meiner zukünftigen Bewerbungen stolz einfließen lassen.

Amerikanische Campuskultur – ich bin froh (wirklich!), das mitzuerleben. Auch wenn einige Zweifel und auch Fragen bleiben, die in den nächsten Wochen beantwortet werden müssen. Aber um Antworten zu suchen, bin ich ja hier – auch auf Fragen, die sich hier erst stellen.