American Football Experience – eine manchmal ironische Würdigung

Ich hab’s getan. Ich habe mein erstes American-Football-Spiel gesehen. Live, im Stadion meines hauseigenen Uni-Teams. Heimspiel: CMU gegen New Hampshire. Die ‘Chippewas’, so der einem native American tribe entlehnte (und von diesem anno dazumal offiziell ‘entliehene’) Rufname unserer Footballer, sind nicht dafür bekannt, regelmäßig Siege einzufahren. Heute aber klappt’s: New Hampshire wird mit 24:21 wieder nach Hause geschickt.

Im Folgenden möchte ich mein neu gewonnenes kulturelles Wissen teilen und einen Einblick geben in Amerikas Football-Faszination.

I. Spielkleidung

Alle Spieler, die in der Football-Szene ernst genommen werden wollen, tragen eng geschnittene Hosen, die entfernt an Höschen von Eiskunstläufern erinnern (allerdings nur im Schnitt, die Farbgebung weicht zwecks Betonung hegemonial-männlicher Charakter- und auch Körpereigenschaften ab und verzichtet auch auf Glitzer), sind im Schulterbereich großzügig mit Einlagepads ausgestattet und tragen Helme mit Gitter vorm Gesicht, um durch die leicht herzustellende Zoo-Analogie die intendierte Assoziation mit gefährlichen Tieren zu erleichtern.

CMU-Football 1

Spieler, die in der Szene ernst genommen werden wollen, tragen vergitterte Helme. Es gilt die Faustregel: Je größer der Helm, desto größer das Prestige. Bei diesem Exemplar hat der Hersteller sich jedoch verschätzt; es wird seither im Stadion der CMU als Spielertunnel für die Heim-Mannschaft genutzt.

II. Die Regeln

Die Regeln eines Footballspiels sind schnell erklärt. Beide Mannschaften versuchen, einen Football (vgl. III. Spielgerät) über eine Linie zu tragen, die sich hinter der Defensive des Gegners befindet. Man kann den Ball auch werfen oder schießen, oder wie ein Seehund auf der Nase balancieren. Hauptsache, man kriegt das Spielgerät über die Linie und erzielt so den ‘Touchdown’ (von engl. touch = berühren, abtasten, anfassen sowie engl. down = herab, herunter, abwärts). Ein Touchdown bringt der downtouchenden Mannschaft sechs Punkte ein (warum nicht sieben? Weiß niemand), und anschließend können in einem Zusatzversuch nochmal ein oder zwei Punkte erzielt werden. Wirkt etwas willkürlich, sorgt aber für spektakuläre Ergebnisse im dem Fußball numerisch überlegenen Bereich. Ein sog. ‘Field Goal’ würde drei Punkte einspielen, übrigens.

Wie die Spieler sich über das Feld bewegen, ist eigentlich ihnen überlassen: Nennen wir es ‘Free Style Scampering’ (abgel. von engl. to scamper = flitzen, umherhuschen, herumhüpfen – alle drei Bedeutungen sind auch erlaubt). Der Gegner darf versuchen, die sich im Vorwärtsgang befindliche Mannschaft, namentlich den ballbalancierenden Spieler, mit allen Mitteln aufzuhalten. Schusswaffen sind nicht erlaubt, ansonsten aber gilt hier die Regel des ‘Free Style Tackling’ oder ‘Free Style Bopping’ (abgeleitet von engl. to bop = knuffen). Steinschleudern sowie Pfeil und Bogen sind im offiziellen Regelwerk ebenfalls nicht vorgesehen, werden von großzügigeren Schiedsrichtern aber zumeist übersehen.

Beim Versuch, einen ballbalancierenden Spieler zu Fall zu bringen, stolpern alsdann alle Gegner gleichzeitig in den betreffenden Spieler hinein, sodass der ganze Menschenpulk übereinanderfällt. Der so aufgeschichtete, oft meterhohe Spielerhaufen bleibt wegen der Unbeholfenheit der Spieler, die sich in ihren Uniformen schlecht aus der Situation befreien können, einige Minuten so liegen, bis der Referee eine Möglichkeit gefunden hat, den Pulk zu entwirren. Bereits zwanzig Minuten nach dem Aufprall der Spieler (landesweiter Durchschnitt nach eigenen Schätzungen) wird der nächste Spielzug angepfiffen, der wiederum so lange andauert, bis mehrere Spieler zusammenstoßen und lustig aufeinanderpurzeln. Nach diesem Muster bewegen sich alle Spieler auf dem Spielfeld von links nach rechts und von rechts nach links – mal in Richtung der einen, dann in Richtung der anderen Defensive. Das Spiel endet nach 60 Spielminuten, die, alle Päuschen und Pausen durch Aufeinander-Purzeln und Sich-wieder-Entwirren eingerechnet, um zwei bis drei Stunden ergänzt werden und so zum nachmittagfüllenden Programm geraten – welches dank der Kurzweil, stattlichen Stolpersportlern bei ihrem Tagwerk zuzuschauen, im Nu vergeht.

III. Spielgerät

Das Spielgerät ist ein Ball, der sich ‘Football’ nennt, weder der Form nach aber einem Fuß ähnelt noch von diesem Körperteil bevorzugt befördert wird. Die Beförderung mit behandschuhten Pranken oder durch geschicktes Auf-der-Nase-Balancieren ist in Insider-Kreisen deutlich angesehener und „separates the men from the boys“, wie Flint Forest (Name geändert), ein nach eigenem Wunsch hier anonym bleibender Spieler, mir verraten hat.

Wilson_American_football

Ein Football. Aber nicht irgendein Football, sondern ein entfernter Verwandter des berühmten Wilson aus dem Film ‘Cast Away’ mit Tom Hanks. Hier sehr gut zu sehen die Darstellung der Narbe des ersten je in einem Footballspiel verletzten Spielers (heute oft als ‘Griff’ verkannt) sowie die eiige und dennoch überraschend spitze Form eines Footballs. 

Um den amerikanischen Football vom herkömmlichen Fußball klar abzugrenzen, nutzte man anfänglich einen nicht aufgepumpten Fußball, der die Form eines Eis hatte. Die Schwierigkeiten, diesen Ball zu werfen und zu treten, wurden flugs erkannt und der schlaffe Lappen durch einen eigens genähten, nun voll aufgepumpten Ball ersetzt, der jedoch nach wie vor die Form eines Eis hat, allerdings eines Eis mit sehr spitzen Spitzen (vgl. Foto). Um den bewussten Bruch mit ästhetischer Perfektion zu symbolisieren, aus dessen ironischem Geiste die Sportart ‘Football’ geboren wurde, wurde auf eine völlige Rundung des Balls verzichtet. Kenner der Szene schwärmen bis heute von diesem subtilen Wink mit dem metareflexiven Zaunpfahl. (Zaunpfähle sind im Football-Regelwerk übrigens nicht ausdrücklich als Mittel zum Ballgewinn untersagt, Schiedsrichterauslegungen gehen hier aber auseinander.)

Der amerikanische Football (wiederum ist das Spielgerät, nicht das Spiel gemeint) weist einen aufgenähten Griff aus weißem Leder auf, der dem werfenden Spieler überhaupt gar keine Hilfe ist (ich habe das selbst mal ausprobiert, auf dem Hinterhof meines Wohnheims). Flint Forest (s.o.), der in der Tat ein Kenner der Szene ist, weiß zu berichten, dass der Aufdruck (vgl. Foto) ursprünglich die Narbe im Gesicht des ersten auf dem Feld verletzten Football-Spielers symbolisieren soll. Wie auf jedem Football leicht nachzuzählen, wurde dessen Wunde mit 16 Stichen genäht. Die Verewigung seiner Narbe auf einem jeden Football half ihm über eine erste Unzufriedenheit mit der eigenen Narbe schnell hinweg.

IV. Tailgating und Cheerleading

CMU-Football 5

Den allermeisten Zuschauern – von vor Stolz (oder übermäßigem Burger-Verzehr) platzenden Spielervätern einmal abgesehen – geht es beim Besuch nicht im den Sport an sich. Es geht um: Essen und Trinken. Und um Party. Und um katharsis (in der genitivus-partitivusÜbersetzung: Reinigung von den Leidenschaften). Helden werden geboren, die man bejubeln kann; eine Identität erwächst aus einzelnen Menschen in einer Fankurve, die die gleichen Chöre Richtung Spielfeld schleudern.

Zudem nimmt hier das sog. Tailgating (von engl. tailgate = die Heckklappe) eine Schlüsselfunktion ein. Es handelt sich um ein sehr amerikanisches Phänomen, das die Pre-Parties vor großen Sportereignissen auf die Parkplätze um ein Stadion herum verlegt; und auf diesen Parkplätzen wird, aus schier unerschöpflichen Kofferräumen schöpfend, Fleisch gegrillt, werden Marshmallows verzehrt, wird Bier getrunken. Und alle jubeln, viele tanzen sogar – teils auf den Autos, die lustig wackeln. Ein Volksfest. Dieses setzt sich im Stadion nahtlos (nahtloser jedenfalls als das Spielgerät und so manches Spielergesicht, ob dieses wenig zimperlichen Sports) fort. (Ich bin übrigens sicher, dass ein guter Teil der ‘Tailgater’ während des Spiels auf den Parkplätzen bleibt, weil es ihnen dort so gut gefällt.) Im Stadion überbrücken die Cheerleader, gut gelaunte Barbies in Röckchen in den Mannschaftsfarben, die endlos langen Pausen, während derer die Spieler versuchen, sich aus den Menschenbergen, in die sie qua Zusammenprall gepurzelt sind, wieder zu befreien. Und man bekommt den Eindruck, als ginge es beim Footballspiel um diese Pausen, gefüllt durch Musik der marching bands und die Choreographien der Cheerleader – Sinnbilder für ein Nichts, das das Football-Event eigentlich ist – ein Nichts, in das die des Alltags überdrüssigen Amerikaner ihre Emotionen und ihre Leidenschaft leicht hineingießen können.

V. Much Ado about Nothing

Football ist in Amerika ein riesiges Volksfest. Den Spielern geht es vielleicht noch um den Sport (und um die Konstituierung einer Heros-Imagination, natürlich) – den allermeisten Zuschauern um eine Gelegenheit, Emotionen loszuwerden, abzuschalten, Spaß zu haben, tail zu gaten, cheer zu leaden. Und auch wenn sich all das um ein Nichts herum abspielt (die Regeln des American Football sind doch nur dazu da, um sie zu diskutieren, nicht um sie zu verstehen): Wer wollte es ihnen verübeln? Jedes Land braucht ein Nichts, das ihm wichtig ist. In das man sich bequem hineinlegen kann, ohne nachzudenken, das eine Plattform bietet für ein nicht auf Zweckhaftigkeit gerichtetes Handeln. Das funktioniert in etwa so wie der deutsche Schlager. Nur größer. Viel größer.

Football ist an amerikanischen Unis ein soziales Ereignis, zu dem es an deutschen Hochschulen kein Äquivalent gibt. Interessant, das miterlebt zu haben – auch wenn ich mich mit diesem Sport niemals anfreunden werde, eine Erfahrung war’s definitiv wert. 🙂

CMU-Football 11

Jetzt muss ich mich allerdings erholen (von Uni-Stress und Football-Ereignis) und fahre übers Wochenende an den Lake Michigan. Amerika hat viele Facetten. Wo die Idylle der Great Lakes und das Pop-Spektakel der Football-Großevents, Cheerleader und Tailgating und Marshmallows, so nah beieinander liegen, wird einem durchaus bewusst: Amerika ist ein wundersames Land. 😉

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