There and Ann Arbor and Back Again, and Niagara Falls – and Fuck Capitalism

Seit einer Woche ist das amerikanische government wieder geöffnet. In buchstäblich letzter Minute gab’s zähneknirschende Einigungen, noch ein paar Beleidigungen und Kindereien, und jetzt ist das Schlimmste vorerst abgewendet. Was genau ist vorerst abgewendet? Wahrscheinlich die nächste dicke Finanzkrise. Und dass tausende staatliche Angestellte weiter nicht arbeiten dürfen. Und wohl noch einiges mehr. Das vorerst abgewendete ‘Schlimmste’, das ist für viele Amerikaner aber sicher auch die nicht zu ertragende Möglichkeit, dass China ihnen demnächst vollends die Weltherrschaft entreißen und die Welt ökonomisch, politisch und kulturell prägen wird. Viele, zumindest einige, mit denen ich gesprochen habe, halten das allerdings nach wie vor für sehr wahrscheinlich.

Aber das sind Spekulationen. Nachdem ‘das Schlimmste’, was immer das sein mag (und ich würde da spontan auch die Flut an Essays und midterm exams, die mich in den letzten ein bis zwei Wochen heimgesucht hat, einschließen), durch die Wiedereröffnung der Regierung jetzt nicht mehr unmittelbar zur Debatte steht bzw. halbwegs erfolgreich über die Bühne gebracht ist (midterms), kehrt dieser Blog nun wieder zu etwas konkreteren Ereignissen zurück. Namentlich zu Eindrücken zweier Ausflüge, die ich mit einigen anderen internationalen Studierenden meiner Uni in den letzten Wochen unternommen habe. Der eine (Ann Arbor) liegt knappe drei Wochen zurück, der andere datiert noch von Anfang September (Kanada).

1. Ann Arbor. Or: There and Back Again

Ein Tagesausflug nach Ann Arbor! In eine der schönsten Städte in Michigan, so raunt man sich auf der Straße zu. Also nix wie hin da. Eine Gruppe von 15 international students macht sich auf den Weg ins Abenteuer und fährt Karawane. Ich fahre eines der drei gut besuchten Autos, neben mir auf dem Beifahrersitz nimmt ein verrückter Saudi-Araber Platz. Er entpuppt sich als der ideale Beifahrer: Er schraubt mir Flaschen auf, wenn ich etwas trinken will; er bietet mit unentwegt Süßigkeiten an; er ergreift unaufgefordert das Lenkrad, wenn ich mit der Verpackung eines Müsli-Riegels kämpfe.

Ann Arbor ist sehr, sehr hübsch. Wir taumeln bezaubert durch Downtown, wo es neben einigen Touri-Shops auch Antiquitätenläden und book stores mit echt-antiken Büchern zu entdecken gibt. Den Campus der Universität in Ann Arbor schauen wir uns ebenfalls an (diejenigen von uns, die CMU-T-Shirts oder -Pullis tragen, haben glücklicherweise noch etwas zum Drüberziehen oder Wechseln dabei – allein wegen der Football-Rivalität vielleicht nicht die beste Idee, allzu offen seinen pride zur Schau zu stellen). Abends stärken wir uns in einem indischen Restaurant. Ich betone bei der Bestellung, dass ich die niedrigste Schärfe-Stufe bevorzugen würde; der Kellner schaut mich mitleidig an und erwidert, das habe er bereits vorausgesetzt. Ich frage mich, wieviel mein Gesicht über meine Persönlichkeit verrät.
Der Tag klingt aus in einer Karaoke-Bar. Eine Karaoke-Bar mit einzelnen Räumen allerdings, die man nur für geschlossene Gesellschaften mieten kann. Ziemlich teuer ist das, und die Südkoreanerin, die an der Theke sitzt und uns den Raum vermieten will, lässt nicht mit sich verhandeln. Es hilft auch nichts, dass wir eine Südkoreanerin dabei haben (fate?), die mit der Dame in beider Muttersprache diplomatische Gespräche führt. Egal: Für ‘My Heart Will Go On’, ‘Angels’ und ‘I’m Sexy and I Know it’ (welchen dieser drei Titel ich gesungen habe, möchte ich hier offen lassen) würde ich selbst mein Leben geben.

Die Rückfahrt wird ein Abenteuer. Ich bin müde und will nicht mehr fahren. Mein Held, der saudi-arabische Gutmensch, der mir auf der Hinfahrt Süßigkeiten reichte, als gäbe es kein Morgen, bietet sich an. Ich bin dankbar. Doch ein mexikanischer Freund schreitet ein. Er beteuert, der saudi-arabische Führerschein habe in den USA keine Gültigkeit. Das hat vermutlich mit dem mittlerweile in Amerikanern genetisch angelegten Misstrauen allem Arabischen gegenüber zu tun. Ich hätte dem saudi-arabischen Kollegen vertraut. Stattdessen fährt unser Mexikaner uns zurück. Dem vertraue ich von nun an nicht mehr.
Wir erreichen unser Wohnheim eine Stunde nach den anderen beiden Autos unserer Gruppe. Wir schleichen über den highway. Wir schleichen. Wir begegnen während der drei- (eigentlich zwei-)stündigen Fahrt geschätzt vier anderen Autos. Mit dreien davon knallen wir fast zusammen. Obwohl wir schleichen. Der Mexikaner ist ein furchtbarer Autofahrer (und ich sage das mit einem eigenen Hintergrund von zwei bis elf Vorkommnissen, die jeweils abgebrochene Außenspiegel o.Ä. zur Folge hatten). Ihm sollte man den Führerschein wegnehmen, nicht dem des Saudis die Anerkennung verweigern. Zum Glück kriege ich von der ganzen Aufregung nicht so viel mit und schrecke nur jeweils kurz aus dem Schlaf auf, wenn der mexikanische Abenteurer ruckartig und verwegen von Spur zu Spur switcht. Ansonsten denke ich mir Folgendes: http://www.youtube.com/watch?v=Tth-8wA3PdY, und schlafe weiter.

Am nächsten Tag vergessen wir zunächst, unsere Autos zurück zum Miet-Unternehmen zu karren. Erst um ein Uhr nachts (einundzwanzig Stunden nach unserer Rückkehr) machen wir uns auf den Weg, diese Mission zu erfüllen. Zwei Freunde und ich suchen nach dem Auto, das zuerst ich und später der verwegene Mexikaner gefahren haben. Die beiden aber saßen jeweils im Führerhäuschen eines der anderen Wagen (die ja eine Stunde vor dem Mexikaner ins Ziel kamen) und haben dementsprechend anderswo geparkt. Ich war in der vergangenen Nacht so müde, dass ich vergessen habe, wo zur Hölle wir geparkt haben. Ich kann mich an die grobe Himmelsrichtung erinnern. Meine beiden Kollegen und ich cruisen um mittlerweile halb zwei nachts (wir haben Zeit – das Auto muss bis zum nächsten Morgen zurückgegeben sein) mit deren Autos über den Campus und drum herum und suchen diverse parking lots nach meinem Auto ab. Wo hat der Mexikaner es geparkt? Fragen können wir ihn nicht, er arbeitet nachts und ist nicht zu erreichen. Ich steige auf verschiedenen parking lots aus und laufe mit dem elektronischen Autoschlüssel durch die Reihen und klicke auf den Türöffner-Knopf – in der wilden Hoffnung, eines der Autos möge aufleuchten in der Nacht, mir den Weg weisen als Blinken der Hoffnung im Dunkel. Irgendwann haben wir Erfolg. Wir bringen alle drei Autos zurück.
Als wir die Gefährte abgestellt und meine Gefährten und ich die Autoschlüssel in den dafür vorgesehen Briefkasten befördert haben, ergibt sich die Frage nach der Rückfahrt. Zum Laufen ist das definitiv zu weit. Und es ist kalt. Wir bestellen ein Taxi. Der Taxifahrer ist ein Veteran der American Army – wie gefühlt alle Taxifahrer, die ich in Amerika bislang kennengelernt habe. Und alle erzählen das auch: meist nachdem der erste Kilometer auf der Taxi-Uhr abgelaufen ist. Oder eher. Dieser Taxifahrer ist aber eine sehr coole Sau. Er war kein Soldat im eigentlichen Sinne (oder zumindest nicht lang), sondern Kameramann. Er hat Filme für die Army gedreht und dabei vier Präsidenten nacheinander persönlich kennen und filmen gelernt. Von Nixon bis Reagan, wenn ich das richtig im Kopf habe. Reagan was a fine lad. Aber der Taxifahrer muss nun Taxi fahren, auch wenn er nicht mehr der Jüngste ist: Präsidenten-Filmen ist in diesem Land offenkundig kein lukratives Geschäft.

2. Niagara Falls, the Beautiful, and the Sublime. Or: Fuck Capitalism

Niagara Falls. Ich war da. Es ist beeindruckend. Aber: es gibt ein ‘Aber’.

Nähern wir uns der ganzen Sache mal mit Hilfe der Perspektive von Meriwether Lewis, jenem Offizier, der mit seinem Kollegen Clark die später sehr sinnvoll ‘Journals of Lewis und Clark’ genannten Tagebücher geschrieben hat. Die beiden waren von 1804 bis 1806 unterwegs im damaligen Louisiana (das nicht wie heute bloß ein südlicher Zipfel der USA war, sondern quasi ziemlich viel, das so zwischen der Ost- und der Westküste lag). Die beiden sollten im Auftrag von President Jefferson (ah! Den kennt man doch! „We hold these truths to be self-evident …“) gemeinsam mit einer kleinen Abenteurer-Mannschaft Handelswege erschließen, sich mit ein paar Natives kurzschließen, ob da was geht (economically speaking), und dieselben am besten auch noch ein bisschen zivilisieren. Während der Reise trafen sie auf die Niagara Falls. Folgendes weiß Lewis in seinem Journal zu berichten:

„immediately at the cascade the river is about 300 yds. wide; about ninty or a hundred yards of this next the Lard. bluff is a smoth even sheet of water falling over a precipice of at least eighty feet, the remaining part of about 200 yards on my right formes the grandest sight I ever beheld, the hight of the fall is the same of the other but the irregular and somewhat projecting rocks below receives the water in it’s passage down and brakes it into a perfect white foam which assumes a thousand forms in a moment sometimes flying up in jets of sparkling foam to the hight of fifteen or twenty feet and are scarcely formed before large roling bodies of the same beaten and foaming water is thrown over and conceals them. […] from the reflection of the sun on the sprey or mist which arises from these falls is a beautifull rainbow produced which adds not a little to the beauty of this majestically grand senery.“

Was lernen wir daraus? Lewis geht sparsam mit Satzzeichen und Großbuchstaben um. Die krude Schreibweise geht aber in Ordnung: Ich bin sicher, dass man aus den benutzten Buchstaben alle Wörter so neu zusammen setzen kann, dass sie mit der Orthographie des heutigen amerikanischen Englisch konform gehen. Selbst „senery“ ist verzeihlich. 😉 Was lernen wir noch? Die Niagara Falls waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein ungetrübtes, reines Naturerlebnis. Lewis beschreibt die Fälle in der zitierten Passage als „beautyfull“ – an anderer Stelle benutzt er aber sogar das Wort „sublime“, und auch insgesamt passt seine Beschreibung besser zum Erhabenen, zieht man die Unterscheidung der kantischen Ästhetik heran. Und das bietet sich tatsächlich an: Offiziere wie Lewis waren gebildete Leute und mit den Grundlagen der Ästhetik in der europäischen Philosophie durchaus vertraut. Auch wenn Lewis das Schöne und das Erhabene hier gleichzusetzen scheint: Die Verwendung des Wortes „sublime“ ist kein Zufall. Lewis erklärt seine Beschreibung für „imperfect“ und beklagt sich bei seinem ‘Tagebuch’, dass die Schönheit der Niagara Falls nicht zu fassen ist – womit er das Unendliche und Absolute zumindest andeutet, wenn auch nicht benennt. Ob man das Erhabene wie Kant halbwegs negativ im Sinne eines schrecklichen Wohlgefallens (schrecklich, da man das Unendliche fühlt, aber nicht verstehen kann) oder wie spätere (auch amerikanische) Transzendentalisten positiver deuten mag: Das Erhabene der Niagara Falls ist heute verschwunden. Wenn man ganz nah heran fährt, dann kann man sich erfreuen an der „reflection of the sun on the sprey or mist“ und dem Regenbogen; aber selbst dann wird das Erahnen der Unendlichkeit doch gehemmt von zweihundert beregenmäntelten Touristen, die sich auf dem Schiff namens Maid of the Mist drängeln, sodass man nicht mehr an das Absolute, sondern vielmehr an dicke Menschen in blauem Plastik denken muss, die einem auf die Füße treten. Das Schiff hätte für die Frechheit, zweihundert Leute auf einmal zu den Wasserfällen zu kutschieren, um ordentlich abkassieren zu können, eine Neu-Interpretation des Attributs of the Mist durchaus verdient.

Der Kommerz und, wenn man darunter mit Max Weber das Streben nach Gewinn im kontinuierlichen, rationalen kapitalistischen Betrieb versteht, der Kapitalismus, sind auch in der Stadt rund um die Wasserfälle – die Stadt heißt ebenfalls Niagara Falls – allgegenwärtig. Kaufe hier, kaufe da, und alles blinkt. Ich dachte zunächst, wir hätten uns verfahren und seien in Las Vegas gelandet. Und es gibt tatsächlich ein riesiges Casino. Und ein Restaurant in einer riesigen Kugel hoch oben auf einem Betonturm, von der aus man den Blick auf die Fälle zu genießen hat. Allein die Fahrt dort hoch kostet ein Vermögen; und wenn man einmal oben ist, erwartet einen wahrscheinlich keine Suppenküche für Obdachlose. Auf der amerikanischen Seite der Wasserfälle ragt gleich hinter den Fällen ein bei Tage grauer Wolkenkratzer in die Höhe, der nach Einbruch der Dunkelheit von einer elektronischen Wasserfall-Attrappe geziert wird. Buntes leuchtendes Fake-Wasser stürzt das Hochhaus elektronisch hinab und doppelt die echten Niagara Falls, und zieht fast mehr Aufmerksamkeit auf sich als die (nachts immerhin bunt angestrahlten) echten Wasserfälle selbst – und das Ganze direkt hinter den Niagara Falls. Warum?

Dennoch: Die Wasserfälle selbst sind einzigartig schön (schön, nicht erhaben). Und für einige Sekundenbruchteile, wenn das Schiff Maid of the Mist ganz nah an die Fälle heranfährt, kann man sich einbilden, der ganze Kapitalismus rundherum, der hier weniger Menschen als vielmehr die Natur ordentlich ausbeutet, sei nicht existent, und man kann sich am Wasser erfreuen, das auf die eigene Nase sprüht, und an der schieren Wucht und Naturgewalt, die einen umgibt. Und auch wenn die Fälle des Nachts ab und an rosa angestrahlt werden: Das ist allemal schöner und beeindruckender als das Hochhaus mit dem blinkenden Fake-Wasser.

Ich habe ein paar Fotos von den tollen und aufregenden sowie den böse-kommerziell-hässlichen Seiten der Niagara Falls sowie der dazugehörigen Stadt zusammengestellt. Die können vielleicht noch einen besseren Eindruck geben als meine Worte, denn bei erneutem Durchlesen meines Textes bin ich geradezu „disgusted with the imperfect idea which it conveyed of the scene,“ wie Kollege Meriwether Lewis (offenbar hat er sich während des Schreibens des Journal-Eintrags Rat bei Clark geholt, ob “sene” wirklich richtig ist) es ausdrucken würde. 😉

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