This is, like, the best Thanksgiving EVER.

Am Mittwoch wird die Uni leerer und leerer, am Mittag schon; abends scheinen kaum mehr students auf dem Campus zu sein. Die CMU schließt ihre Pforten: Am vierten Donnerstag im Monat November ist Thanksgiving, und das bedeutet holidays! Amerika fährt nach Hause, driving home for Thanksgiving, yeah.
Thanksgiving. Der Amerikaner dankt. Er dankt Gott. Für alles, was er hat (der Amerikaner, nicht Gott – aber ich weiß gar nicht, wer von beiden eigentlich mehr besitzt): die best family ever, die best friends ever, den guten Job, das Haus, den Hund, das viele und leckere Essen. Der Amerikaner dankt Gott dafür, dass er so viel zu essen hat, indem er sehr viel isst. So viel, dass er danach nicht mehr so viel zu essen hat. Over Thanksgiving, America becomes Turkey.

Ich bin über Thanksgiving eingeladen worden. Von August, einem der coolsten Menschen, die ich während meines Studiums in Amerika kennengelernt habe. Kennengelernt in der International English Honor Society, dem Verein, den ich im Verdacht habe, mit den Illuminaten im Bunde zu stehen oder identisch zu sein. Aber ich mag die Society trotzdem.
Ich bin sehr froh, Thanksgiving im Kreise einer amerikanischen Familie feiern zu dürfen. Einerseits wird mir das eine gute Dröhnung amerikanischer Massenkultur verschaffen; andererseits möchte man an einem solchen Feiertag, selbst wenn man wenig von ihm hält, nicht gern allein sein. Denn man weiß dann ja: Alle Amerikaner sitzen fröhlich beieinander und haben Spaß. Das findet man nur dann gut, wenn man selbst Teil des Spaßes ist. Zudem bietet dieser Ausflug mir Gelegenheit, meinem chinesischen room mate für zwei Tage zu entfliehen. Seit fast 16 Wochen ertrage ich ihn, und ich brauche mal wieder Urlaub. Auch, wenn man laut Friedemann Schulz von Thun nicht nicht kommunizieren kann: Er schafft’s. Die Kommunikation zwischen uns ist am intensivsten, wenn er seine chinesischen Freunde über Skype anbrüllt (es klingt wie chinesische Kampfschreie, vorgetragen aber in einem sehr nörgeligen Nölton), während er online World of Warcraft spielt; und wenn er schnarcht.

Ich entkomme dem Kampf-Chinesen und fahre am frühen Donnerstag Morgen in meinem winzigen Mietwagen Augusts Van hinterher: einem Auto, das in Deutschland als Lastwagen registriert würde, hier aber ein gewöhnlicher Pkw ist. Während der Fahrt wird im Radio bereits um den Christmas Tree aroundgerockt. Festum natalicium Domini advenit, da darf es auch im Radio schonmal klebrig werden. Passend dazu auch ordentlich Werbung für Black Friday. Der beginnt dieses Jahr überraschend schon am Donnerstag, ab 18 Uhr (normalerweile erst am Tag nach Thanksgiving, dem ‘echten’ Freitag also). Die Ladentüren öffnen sich und die dümmeren Amerikaner (ökonomisch aber gar nicht mal so dumm) prügeln sich in den Geschäften um die special Black Friday sales. Thanksgiving: Der Amerikaner dankt. Er dankt Gott. Für all das, was der Amerikaner hat. Aber ab 18 Uhr kann man ja ruhig schonmal dafür sorgen, dass man auch weiterhin viel hat, wofür man dem Lord danken kann. Schnell danke sagen, dann ordentlich Truthahn zwischen die Zähne, kurzes Schläfchen, und ab zum Black-Friday-Shopping! Die Ironie fällt vielen Amerikanern sicher auch auf; aber Ironie ist ja, wenn man lustig ist. Und je mehr Smartphones man heute kauft, umso lauter kann man nächstes Jahr danke sagen, und umso besser schmeckt nächstes Jahr der Truthahn.

Zurück zu den schönen Seiten meiner American Turkey experience. Ich freue mich tatsächlich über die ersten Weihnachtslieder im Radio. Das geht mir in Deutschland nicht anders, und hier werde ich während der Fahrt auch von weihnachtlichen und leicht melancholischen Gefühlen überrascht. Knappe zwei Stunden bis Detroit, wo Augusts Familie wohnt. Genauer gesagt: in den Suburbs von Detroit. 13 Mile. Im Gegensatz zu 8 Mile (da, wo der kleine Eminem gewohnt hat) und heutzutage auch im Gegensatz zu einem recht großen Teil der Stadt ist 13 Mile eine sichere Wohlfühlgegend, mit großen, schönen Häusern und zwei bis sechs Autos pro Haus, hübschen Vorgärten und Billard-Tisch, Angel- sowie Jagd-Ausrüstung im Keller.
Augusts Familie nimmt mich sehr freundlich auf, stellt viele Fragen, die ich höflich und scherzend beantworte. Die Thanksgiving-Atmosphäre erreicht einen ersten Höhepunkt, als ich feierlich eine Flasche italienischen Weins (deutschen Wein gibt’s im Walmart kaum, nur den allerbilligsten; ich wollte aber immerhin die nur zweitunterste Preisklasse wählen) sowie eine Packung Ferrero-Rocher (schon wieder Italien! Aber das ist immerhin Europa, und in amerikanischen Augen ist das ja alles eine Soße – kürzlich hat mich jemand gefragt, ob Denmark nicht ein anderes Wort für Holland sei) überreiche und mich für die Einladung bedanke. [Ich entschuldige mich übrigens für die ganzen Parenthesen hier; mein Prof hat mir diesen Stil untersagt, und irgendwo muss ich das kompensieren.] Als ich das Haus ausdrücklich lobe – der Vater hat hart dafür gearbeitet, so ein Haus besitzen und halten zu können, wie ich Stunden später von dessen angetrunkenen Söhnen erfahren werde –, kann ich auch den pater familias endgültig auf meine Seite ziehen.

Während ich von der Mutter zubereitete Turkey-Sandwiches verspeise (ich muss an die schmerzlichen Erfahrungen denken, die Kollege Streetcar einige Kilometer südöstlich von hier hat machen müssen), läuft Football im Fernsehen. Amerikaner mögen Football; zu Thanksgiving umso mehr. Das alberne Neujahrs-Skispringen im albernen Europa ist ein Witz dagegen – Thanksgiving und Football gehören enger zusammen als Christmas und Jesus. Was nicht viel heißen mag, da in Amerika auch Christmas und Football enger zusammen gehören als Christmas und Jesus; nicht aber enger als Thanksgiving und Football. Detroit spielt, und Detroit gewinnt. Das trägt ebenfalls erheblich zur Stimmung bei.
Nachdem ich meine Turkey-Sandwiches erfolgreich gegen den Familienhund verteidigt und verspeist habe, findet letzterer Gefallen an meinen Socken, die er überraschend filigran und mit überlegter Technik mittels seiner Zähne von meinen Füßen zu zerren versucht. Diese Versuche werden vom Familienvater unterbunden. „Sit, Thor, sit!“ Der Hund heißt Thor. Ich scherze nicht. Der Hund heißt Thor. Eine durch Marvel wohl nicht unbeeinflusste Tradition, seinen Haustieren die Namen bekannter Helden zu geben, zeigt sich hier. Schon im 17. und 18. Jahrhundert war das Brauch – Hunde und Sklaven wurden in Amerika gern augenzwinkernd mit den Namen mythologischer Gestalten und historischer Helden versehen. Sklaven und Hunde mit den Namen ‘Agamemnon’ und ‘Hector’ zeugen von Sinn für Humor.
Ich bin stärker als Thor und biete ihm während meines gesamten Aufenthaltes – Thor kann nicht genug von meinen Socken kriegen (womit er der Erste ist) – die Stirn. Thor kriegt meine Socken nicht. Niemals! Soll er andere Leute sowie deren Füße bloß stellen. Schade übrigens, dass Thor ‘Thor’ und nicht ‘Achilles’ heißt.

In den Nachmittagsstunden fahren August, seine Eltern, seine Schwester, ein Truthahn und ich in drei Autos zu Augusts Tante und Onkel. Dort wird das umfangreichste Mahl aufgetischt, an dem ich jemals teilhaben durfte. Es gibt hier nicht nur Turkey. Es gibt Brussels sprouts (schmeckt wie Rosenkohl und könnte damit sogar identisch sein), ham, mashed potatoes, zum Turkey natürlich stuffing, heiße Preißelbeeren und vieles mehr. Dem Lord wird gedankt, dass er so großzügig ist. Ich stimme zu. Ich trinke vor dem Essen Bier, beim Essen Wein und nach dem Essen Bier; Augusts grandfather (dessen Eltern kamen aus Preußen) fragt, ob meine Eltern im zweiten Weltkrieg gekämpft haben. Haben sie nicht. Ich erkläre bei Tisch, dass es Preußen nicht mehr gibt, ich Englisch studiere und von Michigan begeistert bin. Alle drei Aussagen stimmen, und alle drei bringen mir Sympathiepunkte ein. Ich glaube, ich habe unterm Strich einen guten Eindruck gemacht; und trotz mancher Sätze in diesem Blog-Eintrag, die mindestens ebenso augenzwinkernd daherkommen wie die Praxis, Hunde und Sklaven Agamemnon oder Thor zu nennen, ist mir das wirklich wichtig. Augusts Familie ist unglaublich nett. Ich fühle mich spätestens nach dem ersten Glas Wein gar nicht mehr wie ein fremder German, der in die perfect American family eindringt. Ich freue mich über das ehrliche Interesse vieler Familienmitglieder an Europa, an mir sowie an unserer beider Zukunft und frage auch selbst vieles nach, was mir bezüglich Amerikas Geschichte und Kultur unbekannt ist. Augusts Vater zählt mir seine Lieblingspräsidenten auf. Nach dem Essen verschwinden Augusts zwei Neffen im Keller und zocken ‘Call of Duty.’ Freigegeben ab 16; Die beiden sind etwa zehn. Später klärt August mich darüber auf, dass seine Tante seinen Bedenken mit dem Argument widersprochen hat, man könne seine Kinder in der Schule nicht als Außenseiter dastehen lassen. Natürlich muss sie ihren Kindern die Videospiele kaufen, die sie verlangen. Mein inneres Ich schüttelt seinen inneren Kopf, mein äußeres Ich schüttelt den früh aufbrechenden Großeltern von August die äußeren Hände und erwidert das in perfektem Preußisch vorgetragene ‘Auf Wiedersehen’ des augustinischen Großvaters.
Eine Stunde sowie ein Stück apple pie (da werden Erinnerungen an Teenie-Komödien wach) und ein Stück pumpkin pie später (ich fühle mich mit jedem Schluck Wein und jedem turkey- und pumpkinhaltigen Nahrungsmittel exponentiell amerikanischer) löst die Gesellschaft sich auf. Ich traue meinen eigenen Ohren nicht, aber ich sage den Satz, den ich vor vier Monaten nie über die Lippen gebracht hätte. „Thank you so much – this was my very first Thanksgiving, and I couldn’t have had a better one. This was, like, the best Thanksgiving ever!“ Das ‘like’ habe ich, glaube ich, gerade hinzuerfunden (meine Erinnerung verschwimmt in Wein und zermantscht in mashed potatoes und matschigen Äpfeln), aber den Rest habe ich wirklich gesagt. Nachfolgend beiße ich mir auf die Zunge. Das war übertrieben. Ich habe übertrieben. Das hat die Grenzen der Höflichkeit überschritten. Jenseits dieser Grenze liegen Spott und Farce. Bitte, oh Lord, lass diesen Spruch nicht ironischen Eingang in die amerikanischen Gehörgänge finden. Lass ihn als gemäßigt überwältigten Dank dort ankommen. Augusts Tante blickt mich gerührt an und sagt, dass sei such a kind thing to say. In meiner Imagination hat sie Tränen in den Augen, in der Realität war das meines Wissens nicht der Fall; aber ich habe erreicht, dass einige Familienmitglieder in ihre Worte einstimmen und offenkundig begeistert sind. Sie prosten sich zu. Ich habe gerade mein Lehrstück amerikanischer Übertreibungskunst abgelegt. Da für Amerikaner alles like „the best thing ever“ zu sein scheint, muss man ordentlich dick auftragen, um wahre Emotionen hervorzukitzeln. Das scheint mir hier versehentlich gelungen zu sein. Ich habe das nicht ethnologischer Analyse und kühler Anwendung meiner Kenntnisse zu verdanken. Die Amerikaner, Wein und Truthahn haben mich amerikanisiert. Das ist mir in diesem Moment aber egal – Hauptsache, es hat geklappt. Ich bin zudem zuversichtlich, dass ich mein Amerikanertum bei Bedarf schnell wieder ablegen kann. Ich glaube, meine Dankbarkeitsbekundungen kommen der Methode des method acting sehr nahe. Tatsächlich gefühlt, in diesem Moment, aber das war nicht ich. Sekunden später schon reflektiere ich über diesen neuen Amerikaner in mir. Interessant, was so ein Land mit einem anstellen kann.

Am späteren Abend gehe ich mit August und seinem Bruder Bowling spielen. An der Bar neben der Bowling-Bahn bestellen wir einige Drinks. Wieder daheim, trinken wir Whiskey (August) und Rum (ich). Bis 4:30. Am nächsten Morgen schlafe ich so lang, dass ich zwei, drei Kreditpunkte bei Augusts Eltern (fleißige Frühaufsteher: sie wissen ihren Wohlstand zu wahren) wieder verspielt haben könnte. Umgekehrt haben auch sie Kreditpunkte bei mir verspielt, denn das Zimmer, in dem ich nächtige, ist rosa gestrichen. Die Bettdecken weisen Blümchenmuster auf. Naja.

Als ich am folgenden Abend mit Tausenden Michigandern aus Detroit hinausgleite und mein Mietauto über die Interstate Richtung Norden und Michigans Mitte lenke, bin ich einigermaßen stolz. Ein aufschlussreiches Thanksgiving liegt hinter mir. Ich habe viel gelernt. Aber ich habe es, trotz mancher ungläubiger Beobachtung, auch einfach genossen. Und mein Sympathiepunkte-Guthaben war dank Wein, Rocher und leicht übertriebener Lobes- und Dankeshymnen reich genug, dass ich mir ausufernden Rum-Konsum am Abend leisten konnte. Ich denke, ich habe alles in allem einen würdigen Vertreter Preußens abgegeben. Thank God Almighty!

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