EastCoastWestCoast. Zwei Mal rauf und runter und zurück: Die letzten Wochen im schnellblickenden Rückwärtsgang. Aber mit Fotos und Gelegenheitsgedicht.

Eine ganze Weile habe ich hier nicht mehr geschrieben, und dementsprechend gilt es, einige Rückblicke zu unternehmen. Denn irgendwie muss hier ja noch ein Deckel drauf, auf diesen Amerika-Blog! In gut zwei Wochen – nach einem Abenteuer-Roadtrip mit Inga, der morgen beginnt – bin ich wieder in Deutschland. Aber was ist in den letzten Wochen passiert? Meine Zeit auf dem amerikanischen Kontinent ist ja zu Thanksgiving nicht jäh gestoppt, auch wenn ich mich während des Genusses von Thanksgiving-Truthahn und -stuffing gern in eine Endlos-Zeitschleife eingeschleift hätte.

Ich versetze mich, um diese Lücke zu schließen, nun zurück in ein Land aus Schnee und Eis (Michigan im Winter – kalt! Bis zu -20°C, um genau zu sein), und in eine Zeit vor der heutigen Zeit, in eine Zeit vor dem Jahreswechsel: Es ist Mitte Dezember 2013. Da mein schreibendes Heute-Ich gerade in einem Café in San Francisco sitzt, einer Stadt, in der es nie regnet, in der die Leute im Januar in kurzen Hosen rumlaufen (wobei: Einige Verrückte tun das sogar im dezemberlichen Chicago, wie ich dort beobachtet habe) und in der Palmen blühen, fällt mir das gar nicht so leicht. Aber mein Kaffee kühlt merklich ab, das wird helfen. Ich nehme einen großen Schluck kalten Kaffee, so groß, dass ich Mühe habe, nicht jeden Moment unkontrolliert loszuprousten: Die Kälte des Kaffees stößt sofort das Erinnern an. La recherche du temps perdu.

Mitte Dezember 2013. Mein Auslandsstudium und Michigan liegen hinter mir, alle Kurse sind erfolgreich bestanden und es gibt Abschiede zu feiern. Die CMU konnte nicht immer mit akademischer Exzellenz glänzen (was das Gros der Studierenden betrifft), aber einige coole Dozenten und etliche liebe Menschen habe ich hier natürlich kennengelernt – unter den Internationalen, in den Kursen und in den beiden student organisations, denen ich, voll amerikanischen Organisationseifers, beigetreten bin. Die meisten dieser Menschen werde ich wohl nicht wiedersehen. Ein paar vielleicht – irgendwann. : )
Die Abschiede sind traurig, aber mir sind im Leben schon Dinge schwerer gefallen. Doch meine Reise ist noch nicht beendet: Nach Semesterende will ich zwei Monate Land, Leute und Literatur Amerikas erkunden. Ich habe einen ordentlichen Bücherstapel dabei; Land und Leute treffe ich dann unterwegs, darauf setze ich.

Die Reisen schließen gleich zu Beginn, noch im Dezember, einige Reunions mit rein. Mit Malin in Chicago, mit Niklas in New York. Wundervolle Wochen, voller sightseeing, Museen, Theater, Musical und WG-Flair in New York, inklusive verstopfter Toiletten in einer herrlichen WG, in der wir dank Niklas in New York (wo sich um Weihnachten und Silvester das Who-is-Who aus Bochum zusammenfindet, sodass es scheint, die Weltmetropole sei zur Hälfte mit Bochumern angefüllt) untergekommen sind. Gott sei dank ist in Amerika die Bevölkerung über bei verstopfter Toilette einzuleitende Operationen ganz gut informiert: Eine Flut von Tutorials auf Youtube erklärt, wie eine Toilette am effektivsten zu entstopfen sei. Und es sind nicht nur irgendwelche Tutorials. Nein, teils wird die Unclogging-the-toilet-Technik von gut aussehenden, jungen, dynamischen und den Handwerker-Habitus teils mit moderner casualty und charmanter Lässigkeit kreuzenden Typen erklärt. Etwa hier: http://www.youtube.com/watch?v=lc7HPs92rok. Toll. Meine New Yorker WG-Genossen und ich genießen einige der 34100 (!) Youtube-Ergebnisse für den Suchbegriff „unclog toilet“.

Malin ist inzwischen wieder zurück in Deutschland und hat von all dem nichts mehr mitbekommen. In den folgenden Tagen ziehe ich ein bisschen mit Moritz (noch so ein Bochumer!) durch New York, Jazz-Club mit Blick auf die New Yorker Skyline inklusive. Und dann geht’s ein bisschen die Ostküste rauf und runter. Philadelphia hatten wir in größerer Mannschaft schon kurz vor Silvester besucht; jetzt fahren Niklas und ich zu zweit nach Baltimore und Washington.

In Baltimore brechen wir hellichten Tags in den Friedhof ein, auf dem Edgar Allan Poe, unser aller Lieblingskurzgeschichtler, begraben liegt. Sein Grab aber will uns der Baltimore’sche Geheimdienst (oder wer auch immer) nicht sehen lassen und hat den ganzen Friedhof abgesperrt. „Nevermore,“ antwortet das Absperrgitter unseren fragenden Blicken.
Doch gegen unseren unersättlichen Abenteuerhunger und unsere Spontaneität kann Amerikas Defensive nichts ausrichten. Die sind gut im E-Mails lesen und Handys abhören; aber da wir unseren Einbruch Sekunden vor dem Einbruch selbst erst zu planen beginnen und dabei mündlich vorgehen, bei Facebook keine Spuren hinterlassen, wird unsere Tat nicht einmal durch eine Politesse gestört. Das perfekte Verbrechen.

Abgesehen davon gehört es sich natürlich, den Gruselmeister an seiner letzten Ruhestätte ausgerechnet durch einen lupenreinen Einbruch zu besuchen. Uns war sehr feierlich zumute. Dann aber brachen wir aus dem Friedhof wieder aus. Und ich bereue nicht, dieses Verbrechen begangen zu haben. Auch jetzt nicht, fast drei Wochen später, während ich hier an diesem Tisch eines Cafés in San Francisco sitze. Niemand weiß von der Tat. Auch nicht der Mann mit dem düsteren Gesichtsausdruck, der mir gegenübersitzt. Auch nicht der Polizist, der nun das Café betritt. Er will sich bloß einen Kaffee holen, er hat sicher gerade Mittagspause. Von meinem Verbrechen weiß er nichts. Kann er nichts wissen. Baltimore, das ist weit weg. Ich bin in Sicherheit. Er weiß nichts. Er lächelt mich an, während er auf den Chai tea latte wartet, den er bestellt hat. Lächelt mich an, freundlich. Zu freundlich. Er weiß etwas. Er ist hier, um … nein, das kann nicht. Darf nicht, kann nicht. Oh Gott. Er weiß es, er lächelt mich nicht an, er lächelt mich aus, er weiß es, eine Politesse aus Baltimore hat es ihm gesagt, hat ihm von unserem Einbruch auf den Friedhof erzählt, er weiß es, oh Gott! Er will mich … Was kann ich tun? Er will mich, er will mich lebendig begraben, auf dem Friedhof, auf dem Friedhof in Baltimore. Ich stehe auf, fluche, schreie, plötzlich ist da Schaum vor meinem Mund – aber nein, das ist nur Milchschaum, latte macchiato, na klar, alles gut, nein, er weiß es. Er weiß es. Ich nehme den Stuhl, auf dem ich gerade noch saß, und schmeiße ihn um. Das verbessert meinen Zustand aber auch nicht, und ich liefere mich aus. Der Polizist hat gelächelt, er hat mich ausgelächelt, er weiß es, er weiß es sowieso. Alles ist besser als diese Pein. Wer hat mich verraten? Die Politesse in Baltimore? Oder Poe selbst? Poe hat mich verraten, er hat mit dem Herz geklopft, laut, und er hat mich verraten, und jetzt ist alles aus.

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Eingesperrter Edgar Allan Poe.

Washington. Eine Stadt, vollgestopft mit zu memorierenden Monumenten und monumentalen Memorials. Niklas düst von dort aus wieder nach New York; ich fahre weiter nach Boston. Ich laufe dort den sogenannten Freedom Trail hoch und runter, er führt mich am Schauplatz des Boston Massacre, dem State House von Massachussetts und weiteren historisch bedeutenden Orten entlang. In Harvard schaue ich auch mal vorbei. Das Boston Tea Party Museum hat geschlossen; die Party wird erst weitergehen, wenn ich längst weitergereist bin, und zwar ohne mich. Ich komme darüber hinweg, beschließe, in Boston aus Trotz nur noch Kaffee zu trinken, um die Tee-Industrie zu lähmen, und reise am nächsten Tag nach Newark, New Jersey. Dort verbringe ich die Nacht am Flughafen. Denn am nächsten Morgen geht mein Flugzeug nach Vancouver!

Ich mag das, das habe ich London schonmal gemacht: die Flughafen-Wildnis zur Nachtstätte wählen. Diesmal aber stoße ich auf ein unerwartetes Problem: Während ich über den Flughafen stapfe, bricht der Griff meines etwas zu schwer bepackten Rollkoffers durch. Beim Rollen. Wie ich das geschafft habe, weiß ich nicht; wahrscheinlich war der Griff einfach morsch. Ich nehme einen Gürtel aus dem Koffer und binde ihn ungefähr da fest, wo früher mal ein Griff war. Ich ziehe den Koffer an dem Gürtel hinter mir her: Vormals Kofferinhalt, wird der Gürtel nun zum Instrument, meine Habseligkeiten zu transportieren, verrückte Welt. – Ich bin begeistert von meinem eigenen Ideenreichtum und fühle mich wie Crocodile Dundee oder Indiana Jones. Dann laufe ich halb gebückt durch den Flughafendschungel, weil nur, wenn ich ihn an der kurzen Leine halte, der Koffer die richtige Neigung bekommt, um auf seinen Rollen zu rollen. Jetzt fühle ich mich wie Indiana Jones, der gebückt vor seinem Koffer läuft und versucht, seine Waden vor dem verfolgenden Koffer und dessen fiesen Stößen zu bewahren, was nicht immer gelingt, und ich glaube, ich bin jetzt der am bescheuertsten aussehende Indiana Jones aller Zeiten.

Aber Michael, ein Kanadier aus Toronto, den ich am Flughafen kennenlerne und der das Gleiche vorhat wie ich – am Flughafen übernachten –, befreit mich aus meiner existenziellen Krise. Gemeinsam bestehen wir das Abenteuer dieser Nacht, finden einen gemütlichen Schlafplatz in einem leergeräumten und unbewohnten Flughafenrestaurant, putzen uns in trauter Zweisamkeit die Zähne auf der Flughafentoilette und genießen das Leben. Wir sind jung, wir sind cool. Und mein Gürtelkoffer ist jetzt wieder ein Erzeugnis eines Überlebenskünstlers.

Ich komme am nächsten Morgen an der Westküste an. An der Westküste Kanadas, in Vancouver, das Kanadier auf der zweiten Silbe betonen. VanCOUver. Obwohl ich mich schnell anpasse und das Wort kanadisch betone, werde ich am Flughafen verhört, zum allerersten Mal in meinem Leben:- weil ich in keinem Hostel übernachten, sondern couchsurfen will. Ich habe damit gerechnet, bei der Wiedereinreise in die USA eine Woche später ein paar Probleme zu bekommen, aber in Kanada überrascht mich das. Ich denke erst, ich habe mich verhört; aus dieser aktiven wird im Folgenden aber leider eine passive Verbform. Eine Polizistin stellt mir fiese Fragen in fiesem Ton, sie will sichergehen, dass ich nicht dauerhaft in Kanada bleiben will; verständlich, im Prinzip, denn ich habe keinen Rückflug in die USA gebucht. Und dass ich couchsurfen will, findet sie gar nicht gut, das deutet sie mehrfach an. Das Prinzip schadet natürlich dem Hotelgewerbe, möglicherweise wird die dazugehörige Webseite eines Tages geschlossen.

Das erste Verhör meines Lebens findet nicht an einem normalen Flughafenschalter statt, sondern in einem eigens dafür vorgesehenen großen Raum, in dem ich vor meinem Verhör mit sechs oder sieben weiteren Verdächtigen eine quälende Stunde warten muss. Einer der Verdächtigen hat bunte Vögel in einem großen Käfig dabei (zumindest in puncto bunte Vögel habe ich mir nichts vorzuwerfen); ein zweiter bricht in Tränen aus, da er von seiner Reise nach China, wo er arbeiten will, zurück nach Hause geschickt werden soll – er hat sich, nachdem er aus dem Flugzeug gestiegen ist, direkt eine Zigarette angesteckt. Die anderen Verdächtigen kommen allesamt aus arabischen Ländern.

Für einen Moment denke ich, ich sitze in wenigen Minuten im nächsten Flugzeug nach Deutschland. Aber irgendwie – ich weiß nicht, wie – wendet sich das Blatt, und ohne dass ich gut argumentiert hätte (erst am Abend unter Dusche fließen mir die Worte in den Mund, die ich hätte sagen müssen), darf ich rein. Rein nach Vancouver.

Und da couchsurfe ich (oder surfe ich couch?), und ich habe auf einmal ein Riesenglück: Meine beiden hosts sind jeweils the epitome of Canadian hospitality. Grant, ein junger, dynamischer, erfolgreicher Business-Typ, der aber genug Zeit hat, mit mir gemeinsam eine Matratze und ein Kissen von einem Freund abzuholen, und der geballte Coolness personifiziert (muss am kanadischen Klima liegen); und Lorna, eine schon etwas ältere Dame, die mir morgens pancakes macht und einfach wahnsinnig nett ist.

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Vancouver: Kombiniert eine hübschen Skyline, Wälder (sogar Regenwälder zehn Autominuten von Downtown entfernt!), Berge, auf denen nachts glühende Punkte strahlen, die Skifahrern den Weg weisen, und natürlich das Meer. Wenn man in dieses Gemisch noch so freundliche Menschen schmeißt, wie ich sie erlebt habe, kommt eine tolle Stadt raus.

Nach einer Woche verabschiede ich mich und ersetze Minustemperaturen durch 22°C und Palmen. Weiter Westküste, aber jetzt auf amerikanisch.
California, baby!
San Francisco und Los Angeles habe ich dort besucht. L.A. fand ich interessant; San Francisco hat mich begeistert. Auch wenn es negative Seiten gibt.

Going to San Francisco.
Die Golden Gate Bridge wird, wenn die Sonne untergeht, tatsächlich zu Gold,
legt ihr Rostbraun ab und wird zum Tor in das untergehende Sonnenlicht,
das den Sonnenaufgang des Westens symbolisiert
und symbolisieren soll.
Palmen, Meer, Seelöwen, Seemöwen
und Hippies.
Nackte Beat-Poeten früher, heute
alle zumindest oben ohne,
das ist ja auch schonmal was.
Obdachlose nicht nur oben, nein ganz ohne.
Aber wenigstens haben die’s warm, denn hier ist im Januar Mai.
Und der spirit der Hippies weht hier auch heute noch ein bisschen herum
und rauscht ab und an
durch die Palmenblätter.

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Ein lauer Januar-Abend in Santa Monica, L.A.

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Entkleidete Frau auf Schild in SFR.

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Wunderschön, das Ding: auch, wenn man drauf steht. Knickt nicht ein, wenn man hüpft.

Jetzt stürze ich mich erstmal ins letzte Amerika-Abenteuer: ein echter Roadtrip. Meine Güte. Die penetrant weise Poetry-Slammerin Julia Engelmann, die momentan überall einen auf memento mori und carpe diem macht, wäre stolz auf mich.

So. Bye bye, West Coast – nach Ost und West geht es jetzt, zum Abschluss der Reisen, ab durch die Mitte! Chicago – Nashville – Memphis – New Orleans, so der Plan.

Vielleicht schreibe ich nochmal, während des Roadtrips – vielleicht auch nicht. Sollte bis hierhin – ist ja doch wieder recht lang geworden, dieser Rückblick – jemand gelesen haben: cool! Danke fürs Lesen, und bis bald. Schriftlich oder live, zurück im Ruhrpott, in der Heimat! : )

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